WIENER PALAIS


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Palais Angerer


Als Heinrich von Ferstel zwischen 1856 und 1879 die Votivkirche schuf, plante er auch die Bebauung des erst 1871 neu parzellierten Maximilianplatzes, des heutigen Rooseveltplatzes, in dessen Zentrum der dominierende neugotische Sakralbau platziert wurde. Ferstel hatte einen Wettbewerb gewonnen, der die Errichtung einer Kathedrale vorsah, die an die Errettung des jungen Kaisers Franz Joseph von einem Attentat im Jahr 1853 erinnern sollte. Die den Platz begrenzenden Gebäude sollten im Stil der deutschen Renaissance erbaut+ werden. Auch heute noch bildet der Rooseveltplatz eine städtebauliche Einheit und erinnert etwas an den Grote Markt in Brüssel. Die Bauten sind durchwegs großbürgerliche Wohn- und Bürohäuser. Lediglich das größte Haus wirkt wie ein monumentales Stadtpalais. Es wurde 1876/77 für den wohlhabenden Wiener Bürger Johann Angerer vom Architekten Emil Förster im Neo-Renaissanestil errichtet. Es war als Wohn- und Mietpalais gedacht, d. h. der Bauherr lebte in der Beletage, während die übrigen Räume vermietet wurden und so die Erhaltung des Palais finanzierten. Einige Jahre danach wurde im Erdgeschoß eine Bierhalle eröffnet, die bis 1920 bestand. Der Kellner Georg Kremslehner pachtete diese und hatte damit einen wirtschaftlichen Erfolg. Als er 1907 die Hotelkonzession erhielt, kaufte er das Gebäude, restaurierte es und eröffnete darin das noch heute bestehende Hotel Regina. Der Architekt Cesar Poppovits richtete im Untergeschoß ein Kellerlokal ein, das heute als Bankettsaal genutzt wird. Zu den prominentesten Hotelgästen der Zwischenkriegszeit zählten der albanische König Ahmet Zogu und der Schriftsteller Stefan Zweig. Im Zweiten Weltkrieg wurde in den Räumen des Palais ein Lazarett eingerichtet. Nach Kriegsende requirierte es die amerikanische Besatzungsmacht. Nachdem es die Amerikaner wieder freigegeben hatten, wurde es 1958 der Familie Kremslehner wieder zurückgegeben. Diese ließ das Gebäude restaurieren und eröffnete neuerlich das Hotel Regina.

Das an drei Seiten freistehende Palais ist ein viergeschossiger Bau. Seine repräsentative Schauseite ist dem Schottenring bzw. der Innenstadt zugewendet, doch ist es von beiden durch eine öffentliche Parkanlage getrennt. Die Hauptfassade zeigt einen stark vortretenden, fünfachsigen, überhöhten Mittelteil, dessen hohes Mansarddach mit einigen Dachgaupen bestückt ist. Das Erdgeschoß ist als Arkade ausgebildet. Seine Außenmauern weisen eine Diamantquaderung auf. Auf das Erdgeschoß folgt ein Zwischengeschoß, dessen Gesims die Basis für die beiden Hauptgeschoße bildet. Diese werden durch Riesenpilaster und –säulen gegliedert. Dazwischen liegen im ersten Hauptgeschoß der Beletage große gekuppelte Doppelfenster im Renaissancestil. Sie werden durch dreieckige Verdachungen betont. Die übrigen Fenster des Palais sind normale Rechteckfenster mit geraden oder segmentbogigen Verdachungen. Über dem wuchtigen Gesims befindet sich noch ein leicht zurückspringendes, durch Pilaster gegliedertes Attikageschoß. Sein einstiger Figurenschmuck ist nicht mehr vorhanden. Auf den beiden Eckrisaliten sitzen geschwungene Dachhäuschen mit Dreiecksgiebeln. Auch hier fehlt der ursprüngliche altdeutsche Dekor wie die Obelisken und Steinskulpturen. Die Seitenfronten des Palais sind einfacher gehalten, doch auch hier ist das Gebälk über den Fenstern interessant. Die meisten Innenräume sind längst der Verwendung als Hotel angepasst. Die Räume im Erdgeschoß dienen heute als Restaurant. Ihre Wände werden durch Pfeiler und Pilaster gegliedert. Die Decken weisen Platzl- oder Spiegelgewölbe auf. Ein Raum ist mit Groteskenmalereien geschmückt. Der Franz-Joseph-Saal hat seinen Namen nach dem hier befindlichen Ölgemälde, das Ludwig Michaelik 1911 schuf. Vom Foyer führt eine Treppe in die Beletage, an die sich eine Ovalstiege anschließt. In der Beletage haben sich einige Kassettendecken aus der Bauzeit erhalten.

Ort/Adresse: 1090 Wien, Rooseveltplatz 15

Besichtigung: im Rahmen des Hotelbetriebes möglich


Weitere Literatur:


16.08.2017