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Marchegg


Die Stadt Marchegg verdankt ihre Entstehung dem Sieg des Böhmenkönigs Ottokar II Przemysl über den ungarischen König Béla IV in der Schlacht bei Groissenbrunn im Jahre 1260. Ottokar gründete acht Jahre später an der Mündung des Weidenbaches in die March die Stadt als Bollwerk an der Grenze gegen Ungarn. An der gefährdetsten Stelle – der Nordwestecke der Stadtmauer – wurde die landesfürstliche Stadtburg errichtet. Die erste erhaltene Urkunde, in der sie erwähnt wird, stammt aus dem Jahr 1346. 1426/27 wurden Burg und Stadt von den Hussiten erobert. Unter ihren rasch wechselnden Besitzern sind vor allem zwei Namen zu erwähnen: Salm und Pálffy. Niklas Graf Salm hielt die Herrschaft als Pfandbesitz seit 1502. Für seine Verdienste um die Stadt Wien, die er bei der ersten Türkenbelagerung 1529 erfolgreich verteidigt hatte, wurde ihm Marchegg auch für seine Nachkommen bestätigt. Die Stadt Marchegg wurde von den vordringenden Türken niedergebrannt, doch konnten sie die Burg nicht einnehmen. Sie wurde aber schwer beschädigt. Niklas Graf Salm starb bereits 1530 an einer beim Kampf um Wien erlittenen schweren Fußverletzung im nahe gelegenen Salmhof. Es dauerte bis 1568, bis sein gleichnamiger Sohn die Burg wieder bewohnbar machen konnte. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts verwüsteten ungarische Rebellen neuerlich den Besitz. 1621 übergab Kaiser Ferdinand II die Herrschaft dem Präsidenten der ungarischen Hofkammer, Graf Paul Pálffy von Erdödy, pfandweise. Zwei Jahre später befand sie sich bereits in seinem Eigenbesitz. Durch seine geschickte Politik gelang es ihm, in der Westslowakei einen riesigen Grundbesitz mit dem Zentrum Malatzka (Malacky) zu erwerben. Er ließ bis 1628 die alte Burg Marchegg mit Ausnahme eines Turms abtragen und unter Verwendung einiger alter Mauern ein neues viereckiges Wasserschloss errichten. 1697 entwarf der kaiserliche Ingenieur- und Mineurhauptmann Lambert Lambion einen Ausbauplan für die Befestigungen von Marchegg, doch wurden die geplanten Basteien und Ravelins nicht angelegt.

Um 1715 beauftragte Palatin Nikolaus V Graf Pálffy den Wiener Baumeister Christian Alexander Oedtl mit der Barockisierung der Anlage. Der Wassergraben wurde zugeschüttet, der Mauerring mit dem Schlosstor sowie die runde Eckbastion und die Türme an der Ostseite wurden abgetragen. Die Südfront erhielt ihre heutige Barockfassade. Das Schloss verlor dadurch sein wehrhaftes Aussehen. Es diente der Familie Pálffy in den nächsten zwei Jahrhunderten vorwiegend als Jagdschloss und Sommersitz. Unter den Jagdgästen befanden sich häufig Mitglieder der Kaiserfamilie wie Josef I, Maria Theresia und Franz Stephan von Lothringen. 1807 wurde Karl Graf Pálffy in den Fürstenstand erhoben. Als nach dem Ersten Weltkrieg Pressburg und das Familienzentrum Malatzka an die Tschechoslowakei fielen, verlegte Nikolaus Fürst Pálffy seinen Herrschaftssitz nach Marchegg. Am östlichen Ende des Schlossparks ließ er 1925 eine neue Familiengruft anlegen. 1945 entstanden durch Artillerietreffer und Plünderungen so große Schäden am Schloss, dass dessen Abbruch bereits genehmigt worden war. Das Inventar war völlig abhanden gekommen. Mit dem Tod von Fürst Ladislaus Pálffy starb 1947 die Marchegger-Linie der Familie aus. Die Verhandlungen um das Schicksal des Gebäudes zogen sich bis 1957 und endeten damit, dass die Stadtgemeinde Marchegg das Schloss mit Landeshilfe erwarb. Zwei Jahre später wurde in den Prunkräumen des renovierten Südtraktes das Niederösterreichische Jagdmuseum eröffnet. Dieses wurde vor wenigen Jahren wieder geschlossen, da die Bestände des Niederösterreichischen Landesmuseums in St. Pölten konzentriert wurden. Schloss Marchegg wird derzeit von der Stadtgemeinde für gelegentliche Ausstellungen und sonstige Veranstaltungen genutzt.

Vier, im Grundriss verschiedene, zweigeschossige Flügel umschließen den rechteckigen Innenhof. Lediglich der Osttrakt ist dreigeschossig. Der mittelalterliche Baubestand des 14. und 15. Jh. ist noch im Kern vorhanden. Dem Westflügel wurde ein schräg gezogener Trakt so vorgesetzt, dass ein winziger dreieckiger Lichthof entstand. Schauseite des Schlosses ist seine Südfront. Sie besteht aus dem zehnachsigen Mittelteil, an den vierachsige pavillonartige Eckrisalite mit gebrochenen Mansardwalmdächern anschließen. Der Mittelteil wird durch ionische Riesenpilaster vertikal gegliedert, die beide Geschosse verbinden. Horizontal werden sie durch ein einfaches Gesims optisch getrennt. Es durchläuft alle Bauteile der Fassade, wird aber im Mittelteil von den Pilastern unterbrochen. Unter den mittleren beiden Fenstern führt das Rundbogenportal in die Eingangshalle. Das Tor wird von zwei Doppelpilaster flankiert. Es dürfte dem Haupttor von Schlosshof nachempfunden sein. Eine Wappenkartusche über dem Torbogen weist auf die langjährige Eigentümerfamilie Pálffy hin. Der schlichte Dreiecksgiebel über den mittleren vier Fensterachsen zeigt lediglich eine einfache Sonnenuhr. Die Fronten der West-, Nord- und Ostseite zeigen noch ihre Fassaden aus dem 17. Jh. An der Nordostecke des Gebäudes ist ein Gartenpavillon mit einer kleinen Terrasse angebaut, der dem kaiserlichen Architekten Philiberto Luchese zugeschrieben wird, der in den 40er Jahren des 17. Jahrhunderts wiederholt von Paul Graf Pálffy beschäftigt wurde. Der Pavillon war ursprünglich loggiaähnlich gestaltet, doch wurden die offenen Arkaden bereits 1713/29 geschlossen und Fenster eingebaut. An der Nordfront des Schlosses kann man noch das mittelalterliche Mauerwerk mit den kräftigen Strebepfeilern der Gotik erkennen. Hinter der barocken Schauwand der Südseite ist der Bau des 17. Jahrhunderts fast unverändert erhalten. Lediglich die Torhalle mit der zierlichen Stuckdecke von 1733 und das Stiegenhaus wurden von Baumeister Oedtl eingefügt. Daher findet man im Inneren sowohl frühbarocken Deckenstuck als auch hochbarockes Bandlwerkdekor. Eine einarmige gegenläufige Steintreppe führt zu den Repräsentationsräumen im Obergeschoß.

Besonders prächtig ist der vierachsige Steinerne Saal, dessen gewaltiges Spiegelgewölbe mit elf Stuckrahmen geschmückt ist. Sie umrahmten einst Fresken mit allegorischen Darstellungen. Nikolaus V Graf Pálffy ließ die malerische Ausschmückung des Steinernen Saales und der Kapelle erneuern. Anstelle der Deckenfresken wurden Ölgemälde in die Stuckrahmen montiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb davon ein einziges, das die Hl. Dreifaltigkeit zeigt, in der Kapelle erhalten. 1766 wurde anlässlich des Besuches der kaiserlichen Familie der Steinerne Saal in ein Schlosstheater umgewandelt, das bis in das späte 19. Jahrhundert bestand. Vom Hof aus erreicht man die einst zweigeschossige Kapelle in der Südostecke des Gebäudes. Sie wurde 1661 von Thomas Graf Pálffy, dem Bischof von Erlau, geweiht, aber 1725 neu ausgestattet. Heute ist sie durch eine Zwischendecke unterteilt. Gegenüber der Eingangshalle ist im Schlosshof eine mit 1628 bezeichnete Sonnenuhr angebracht. Sie zeigt den Spruch „Venit hora qua vita finit“ (Es kommt die Stunde, in der das Leben endet) und markiert das Ende der von Graf Paul in die Wege geleiteten Umbauarbeiten. Der große, gartenartig gestaltete Vorhof an der Südseite des Schlosses wird durch ein Rokokogitter mit figurengeschmückten Mauerpfeilern unterteilt. An seiner Stelle verlief einst die alte Wehrmauer. Die Torpfeiler sind mit den Wappen von Nikolaus VII Graf Pálffy und seiner Gattin Sidonia Gräfin Althan von 1733 geschmückt. Auf dem Schlossgelände sind zahlreiche Parkplastiken verteilt, so Diana zu Pferd von Caspar Zumbusch (1908) und die Göttin Pomona von Heinrich von Natter (1879). Die freistehenden Putti im Portalbereich stammen vom alten Burgtheater in Wien. Der weitläufige Vorplatz wird im Westen von den einstigen Stallungen und im Süden vom Landrichterhaus mit seinem hohen, volutenverzierten Schmuckgiebel begrenzt. Im Haus des Landrichters wurde später die Forstverwaltung untergebracht. Hinter dem Schloss erstreckt sich der große Park, der jenseits des Weidenbaches in die Au übergeht.

Lage: Niederösterreich/Marchfeld – ca. 20 km nördlich von Hainburg

Ort/Adresse: 2293 Marchegg Stadt

Besichtigung: derzeit meist nur von außen möglich


Weitere Literatur:
  • Burgen - Weinviertel - Reichhalter/Kühtreiber - 2005
  • Burgen und Schlösser vom Marchfeld bis Falkenstein - Rudolf Büttner - 1982
  • Das Marchfeld - Pia Maria Plechl - 1969
  • Das Weinviertel und das Marchfeld - Thomas Hofmann - 2000
  • Dehio - Niederösterreich nördlich der Donau1990
  • Die Schlösser im Marchfeld - Walther Brauneis - 1981
  • Österreichisch-slowakisches Marchland - Kollar Daniel - 1996
  • Österreichisches Burgenlexikon - Georg Clam Martinic - 1992
  • Schlösser in Österreich I - Laurin Luchner - 1978
  • Schlösser und Burgen im Weinviertel - M.Jasser/P.Kenyeres - 1979
  • Von Schloß zu Schloß in Österreich - Gerhard Stenzel - 1976

30.11.2004