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Streitwiesen


Das Gebiet der späteren Herrschaft Streitwiesen-Mollenburg gehörte zur alten Grafschaft Weitenegg-Persenbeug. Sie gehörte zuerst den Grafen von Peilstein und dann den Herren von Lengenbach-Rehberg. Das Weitental wurde erst im 12. Jh. landesfürstlich. Eine Burg wird hier erstmals 1144 erwähnt. Kurz zuvor war einer der Herren von Stiefern in den Besitz der Feste gelangt. Er nannte sich von nun an Ozzo von Streitwiesen. Seine Nachkommen sind als Ministeriale der Babenberger bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts nachweisbar. Unter Friedrich II, dem Streitbaren, zählten die Streitwieser zu den bedeutendsten Adelsfamilien des Herzogtums. Sie waren im südlichen und mittleren Waldviertel reich begütert. Der Minnesänger Ulrich von Lichtenstein berichtet in seinem Frauendienst, dass er 1227 bei einem Turnier in Wien-Penzing Konrad von Streitwiesen besiegt hatte. Marquard von Streitwiesen gehörte zum Hofstaat der letzten Babenbergerin, Königin Margarethe. Er begleitete sie bis zu ihrem Tode 1266 in der Burg Krumau. In der ersten Hälfte des 13. Jh. wurde die Burg stark erweitert. Neben der Sicherung des Weitentales hatte sie als Aufgabe Verwaltungssitz einer größeren Herrschaft zu sein. 1296 dürfte sie während des Adelsaufstandes gegen den Landesfürsten zerstört, aber bald wieder aufgebaut worden sein. Bernhard von Streitwiesen starb als letzter seiner Familie 1396. Die Stammburg war aber bereits 1373 an die Volkersdorfer verkauft worden, die sie Hans von Maissau überließen.

Noch vor 1434 kam die Herrschaft an die Familie Fleischeß, dann 1455 an die Schrott, 1522 an die Albrechtshaim, 1536 an die Kernbaum und 1550 an die Rot. Einer Inschrifttafel zufolge wurde zumindest die Südfront der heutigen Burg mit den beiden Rundtürmen um 1556 von Jakob Rot von Reinprechtspölla errichtet. Auch die obersten beiden Geschosse des Wohnturmes wurden damals erbaut. Vermutlich gehen alle Renaissancebauten auf Jakob Rot zurück. Danach kam es wieder zu einem häufigen Besitzwechsel. 1584 sind die Velderndorfer und ab 1598 die Herren von Peukheim bezeugt. 1697 kauften die Sinzendorfer die Herrschaft und vereinigten sie mit dem bereits ihnen gehörenden Pöggstall. Da die Verwaltung dort konzentriert war, überließ man Streitwiesen dem Verfall. Zwischen 1777 und 1795 stellten die Grafen Abensperg-Traun die Besitzer. Danach gehörte Streitwiesen wieder zu Pöggstall. Gemeinsam mit diesem gelangte es 1795 an Kaiser Franz I und nach der Auflösung der Monarchie an die Republik Österreich. Demolierungsarbeiten um 1860 richteten keine allzu großen Schäden an. 1972 kauften elf ehemalige Gruppenführer des Österreichischen Pfadfinderbundes die Ruine mit der Idee hier eine Jugendburg zu schaffen. Zuvor mussten jedoch ein teilweiser Wiederaufbau und eine Neueindeckung der noch brauchbaren Gebäudeteile erfolgen. Die Dächer wurden erst um 1980 aufgesetzt.

Die Halbruine liegt auf einem niedrigen Hügel oberhalb des kleinen gleichnamigen Ortes am linken Ufer des Weitenbaches. Sie besteht im Wesentlichen aus drei Bauteilen, die von einem Graben und einer Ringmauer umgeben waren. Letztere weist an der Südwest- und der Südostecke runde Ecktürme auf, die sowohl Schießscharten als auch viereckig gerahmte Fenster besitzen. Der innere Burghof ist natürlich der älteste Teil der Anlage. Nach Osten schließt sich der äußere Burghof an. Im Süden liegt eine Terrasse, auf der die romanische Pankratiuskapelle steht. Der Zugang erfolgt heute von Süden her über eine Holzbrücke. Die ursprüngliche Zufahrt lag aber im Osten und führte durch das erste Tor über einen Vorhof zur Außenmauer des äußeren Burghofes. Vom hier befindlichen zweiten Tor ist nur mehr das linke Gewände erhalten. Linkerhand erkennt man gotische Baureste und solche aus der Renaissancezeit. Danach kann man in die weitverzweigten gewölbten Kellerräume unterhalb des Burghofes absteigen. An der rechten Seite wird der Hof von der 12 m hohen zinnenbekrönten Außenmauer begrenzt. Das dritte Tor zum inneren Hof ist heute nicht mehr erhalten. An der Nordseite dieses Hofes erheben sich die Reste des 32 m hohen Bergfrieds. Er hatte einen quadratischen Grundriss von 8,2 m Seitenlänge, aber relativ schwache Mauern. Dies war der Grund, dass von ihnen mehr als die Hälfte eingestürzt ist. Die erhaltene Nordostecke zeigt jedoch, dass er einst sieben, durch Tramdecken unterteilte Geschosse hatte. Die beiden obersten sowie die Rundzinnen stammen aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, während die unteren fünf Geschosse noch auf die erste Hälfte des 12. Jh. zurückgehen. Turm und Kapelle waren ursprünglich die einzigen Gebäude in der Burg. Der Bergfried hatte also damals die Funktion eines Wohnturmes. Dies erkennt man auch an den schön gearbeiteten Fenstern, deren Überlager aus mächtigen länglichen Steinblöcken bestehen.

In der ersten Hälfte des 13. Jh. wurde an den Wohnturm im Westen ein dreigeschossiger spätromanischer Palas angebaut, von dem nur mehr die Nordmauer mit einer schönen romanischen Stiegenanlage erhalten ist. An der Südgrenze des rechteckigen Hofes befinden sich einige stark verfallene Gebäude mit spätgotisch abgefasten Rechteckfenstern. Die Burgkapelle stand ursprünglich frei auf der Terrasse unterhalb der Hauptburg. Sie wurde erst in der Renaissanceszeit mit einer Mauer umgeben und in den Burgkomplex einbezogen. Damals wurde auch der hakenförmige Bau, der sie heute mit den übrigen Burggebäuden verbindet, angebaut. Seine Innenräume sind zum Teil kreuzgewölbt. Der Rundturm an der Südwestecke der Kapelle war ehemals viergeschossig. Drei Geschosse sind noch erhalten. Eine Inschrift weist auf Bauarbeiten unter Jakob Rot im Jahr 1566 hin. Das aus großen Quadern errichtete Langhaus besitzt ein romanisches Portal im Süden und ein später ausgebrochenes im Westen. Ursprünglich beleuchteten nur drei hochromanische rundbogige Trichterfenster das Innere. Sie wurden im letzten Viertel des 20. Jh. weitestgehend rekonstruiert. Unterhalb derselben wurden im 13. Jh. zwei weitere Fenster sowie je eines über dem Portal und in der Mitte der Südfront ausgebrochen. Die Nordseite war fensterlos. Der romanische Chorschluss wurde im 14. Jahrhundert durch einen hochgotischen Chor mit 5/8-Schluss ersetzt. Er dient heute als Kapelle. Der mächtige rundbogige Triumphbogen wurde zwar in der Gotik zum Teil vermauert, ist aber erhalten. Ansonsten sind im Inneren das Kreuzrippengewölbe sowie die rotmarmorne Gruftplatte des Jakob Schrot von 1463 bemerkenswert. Das gotische Sakramentshäuschen mit seinem Baldachin ist leider schwer beschädigt. Wie einzelne Farbreste zeigen, war die Kapelle einst mit Fresken geschmückt. Der Hochaltar stammte aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Er befindet sich jetzt im Heimatmuseum Pöggstall.

Lage: Niederösterreich/Waldviertel – ca. 16 km nordwestlich von Melk

Ort/Adresse: 3650 Pöggstall

Besichtigung: möglich

Homepage: www.streitwiesen.org/


Weitere Literatur:


03.10.2004