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Reichenau an der Rax - Rudolfsvilla


Der Aufstieg Reichenaus zum bevorzugten Sommerfrischeort der Monarchie im späteren 19. Jahrhundert begann mit dem Bau der Südbahn, die 1842 bis Gloggnitz fertiggestellt war. Reichenau und das Semmeringgebiet waren von Wien aus nun in wenigen Stunden erreichbar, wofür man zuvor Tage gebraucht hatte. Dies war vor allem für Kaiser Franz Joseph interessant, dem umfangreichen Wald- und Jagdgebiete in der Umgebung gehörten. Die Grundbesitzer und Gemeindevertreter von Reichenau nützten den Boom und versuchten Übernachtungsmöglichkeiten in allen Preislagen zur Verfügung zu stellen bzw. neue zu schaffen. In Reichenau ist in erster Linie die Familie Waißnix als Investor zu nennen. Die Brüder Johann Michael und Alois Waißnix waren es auch, die 1856/57 durch den Architekten Anton Hefft oberhalb der Kirche, am Beginn der Thalhofstraße, eine schlossartige Villa errichten ließen. Hefft war ein Wiener Architekt, der u. a. auch die Kapelle der Weilburg schuf und beim Ausbau der Wiener Ringstraße tätig war. 1859 mietete Kaiser Franz Joseph langfristig die Villa und nützte sie vorwiegend als Stützpunkt für seine Jagden im Raxgebiet. Sie wurde daher auch Kaiservilla genannt. Kronprinz Rudolf verbrachte in seinen ersten sechs Lebensjahren die Sommer vorwiegend hier, meist gemeinsam mit seiner Schwester Erzherzogin Gisela. Das Lieblingsvergnügen des kleinen Kronprinzen war es, wenn er mit Gisela in einem von zwei weißen Ziegenböcken gezogenen Wagerl im Park spazieren fahren konnte. Den beiden Kindern stand dort auch eine Miniaturjagdhütte zur Verfügung, die Rudolf zu seinem dritten Geburtstag von der örtlichen Jägerschaft geschenkt worden war. 1865 wurde der Mietvertrag zwischen dem kaiserlichen Hof und der Familie Waißnix aufgelöst. Nach der Eröffnung der neben der Villa liegenden und ebenfalls von Hefft geplanten Kuranstalt Rudolfsbad, diente die Kaiservilla ab 1866 als Dependance derselben, Von 1867 bis 1869 bewohnte der jüngere Bruder des Kaisers, Erzherzog Karl Ludwig, bei seinen Sommeraufenthalten mit seiner Familie die Villa. Danach mietete man das Schloss Reichenau. Auch sein Sohn Franz Ferdinand nutzte sie gelegentlich für seine Besuche. Die Bezeichnung „Rudolfsvilla“ kam erst nach Rudolfs Tod 1889 auf. Die Kaltwasserkuranstalt und damit auch die Villa erfreuten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht nur beim Kaiserhaus großer Beliebtheit sondern auch beim Adel und dem reichen Großbürgertum. So heiratete hier in Rudolfs Todesjahr der Vorkämpfer für einen Judenstaat Dr. Theodor Herzl.

Nach dem Ersten Weltkrieg bzw. dem Ende der Monarchie wurde es stiller um die Rudolfsvilla. Sie verblieb bis heute in Privatbesitz. Ein 1964 im Erdgeschoß eingerichtetes Naturmuseum wurde nach zehn Jahren wieder geschlossen. Das Gebäude wurde 2016 restauriert und revitalisiert. Das Innere ist nun weitgehend in Wohnungen unterteilt, die langfristig gemietet werden können. Kurzfristig steht die Villa und der Park für private und öffentliche Veranstaltungen aller Art, wie Hochzeiten oder Floh-und Adventmärkte zur Verfügung. In der Villa ist auch die Dauerausstellung „Sisi einst und jetzt“ zu sehen. Da sich die Kaiserin Elisabeth hier wesentlich seltener als ihr Sohn oder der Kaiser aufgehalten hat und sie auch keine besondere Vorliebe für Reichenau zeigte, wurde der neue Name „Sisi-Schloss“ wohl aus Marketinggründen gewählt. Der Bau ist eine Dreiseitanlage im Stil des Romantischen Historismus mit Einflüssen der Tudor-Gotik. Seine Schmalseiten sind der Thalhofstraße zugewendet. Der dortige kleine Ehrenhof wird von einem großen Marmorbrunnen dominiert, dessen vier mit Maskarons, Putten und Muschelschalen ausgestatteten Wasserspeier einst als Einzelbrunnen das alte Burgtheater in Wien schmückten. Die im Ehrenhof aufgestellt Büste Kaiser Franz Josephs ist heute nicht mehr vorhanden. Sie stand ursprünglich vor der Schule und wurde erst 1970 hierher gebracht. Die ebenfalls zweigeschossige Talseite weist einen schmalen, kaum vorragenden Mittelrisalit auf, an den an beiden Seiten vier Fensterachsen anschließen. Der Risalit zeigt einen flachen Dreiecksgiebel und einen von einem Schmiedeeisengitter begrenzten Balkon. Die Schmalseiten der Längsflügel wurden in jüngster Zeit mit großformatigen Bildern des Kaiserpaares dekoriert. Die Fassaden werden durch einen für die Zeit ihrer Errichtung typischen Terrakotta-Schmuck belebt und gegliedert. Hinter der Rudolfsvilla erstreckt sich ein Park mit einer großen Wiese.

Ort/Adresse: 2651 Reichenau an der Rax, Thalhofstraße 6

Besichtigung: Normalerweise nur von außen möglich. Bei Veranstaltungen ist jedoch zumindest der Hof zugänglich.

Homepage: www.sisi-schloss.at


Weitere Literatur:


26.11.2016