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Oberranna


Die Burg Oberranna wurde 1108 mit einem Pilgrim von Ranna-Grie erstmals erwähnt, wobei aber die Herren von Grie bereits im 11. Jh. im Gefolge der Grafen von Formbach aus Bayern ins Waldviertel gekommen sind. Unter „Grie“ versteht man einerseits Niederranna und anderseits jenes menschenleere Gebiet, das Bischof Altmann von Passau 1083 dem Benediktinerstift Göttweig schenkte. Pilgrim übergab 1108 einen Teil der Herrschaft Niederranna dem Stift Göttweig und nahm anschließend an einem Feldzug König Heinrichs V gegen die Ungarn teil. Danach trat er in das Stift ein. Sein Bruder Waldo vermachte seinen Besitz dem Landesherrn, Markgraf Leopold III. Dieser zog nun auch alle Schenkungen Pilgrims ein und übergab Oberranna seiner Schwester Gerbirg. Mit ihrem Tod 1142 begann ein langwieriger Rechtsstreit, zwischen dem Markgrafen, dem Stift und dem jüngeren Pilgrim. Letzterer erhielt schließlich den Großteil des Familienbesitzes wieder zurück. Die Herren von Ranna waren Lehensleute der Kuenringer und dann der Maissauer. Nach dem Aussterben der Familie mit Hans von Ranna kam die Burg 1389 an seinen Schwiegersohn Johann von Neidegg. Dessen Nachkommen ließen im 15. Jh. die Burg stark ausbauen. 1556 wurde sie für die umliegende Bevölkerung als Fluchtort bestimmt. Kurz danach erfolgte unter Georg von Neidegg der Umbau zu einer der mächtigsten Renaissancefestungen Niederösterreichs. 1593 wurde Oberranna im Zuge eines Erbstreites an Christoph von Greiß veräußert. Während der Reformationszeit stand die Burg vorwiegend leer. Im 17. Jh. wurde sie von böhmischen Soldaten geplündert. Ansonsten finden sich in ihrer Geschichte keinerlei kriegerische Ereignisse. Unter den im 17. und 18. Jh. rasch wechselnden Besitzern finden sich u. a. Hans Ruprecht Hegenmüller von Dubenweiler (1628), Philipp Ferdinand von Gudenus (1714), Johann Joachim Graf Sinzendorf (1715) und Joseph Edler von Fürnberg (1785). 1795 kam der Besitz an die k. k. Familiengüterdirektion. Unter Kaiser Josef II wurde die Burgkirche aufgehoben. Da die Anlage leer stand und nicht gepflegt wurde, kam es ab 1830 zum Verfall. Daran änderte auch Baron Hammerstein nichts, der sie 1905 erwarb, aber im Ersten Weltkrieg fiel. Der größte Teil der Grundstücke ging an das Stift Göttweig. Erst Laurent Deléglise, der 1930 Oberranna ersteigerte, ließ umfangreiche Renovierungsmaßnahmen durchführen. Auf ihn geht vor allem die Wiederherstellung der romanischen Kapelle zurück. Nach 1961 kam die Burg an Dipl. Ing. Roland Nemetz, der hier seit 1984 eine Frühstückspension betreibt.

Obwohl im Mauerwerk der eigentlichen Burg nichts auf ein so frühes Entstehungsdatum hindeutet und diese bis in das 20. Jh. hinein als nicht sehr bedeutsam betrachtet wurde, ist es mittlerweile klar, dass Oberranna bereits im frühen 12. Jh. entstanden ist. Grund dafür ist die romanische Burgkapelle aus der Zeit vor 1108. Möglicherweise existierte sie sogar bereits vor der ersten Burg. 1360 wurde sie eine eigene Pfarrei, obwohl sie nur aus dem Schloss, dem Meierhof und der Mühle bestand. Sie wurde erst 1937, während einer Bauuntersuchung durch den Kunsthistoriker Richard Donin wiederentdeckt und später freigelegt. Zuvor war sie profaniert und durch Mauern in mehrere unscheinbare Räume unterteilt. Sie ist die älteste in Niederösterreich erhaltene Wehr- und Burgkirche sowie die einzige Burgkapelle des ottonischen Bautyps in Österreich. Ihre Fresken (vier Evangelisten, Lamm Gottes usw), die allerdings nur mehr in Resten vorhanden sind, stammen aus der Zeit zwischen 1420 und 1500. Die über 25 m lange Kirche war dem hl. Georg geweiht. Bis heute ist es unklar, warum sie in dieser Größe und Qualität errichtet wurde. Für eine Burgkapelle ist sie jedenfalls viel zu groß. Sie ist ein einschiffiger, doppelchöriger Raum mit je einem kurzen Querhaus im Osten und Westen. Über den beiden Vierungen befand sich je ein Turm. Erhalten ist jedoch nur mehr der dreigeschossige, bergfriedartig aufragendem Ostturm, da ihr Westwerk in den vierflügeligen Bau der Neidegger aufging. Auf der Höhe des Läuthauses weist der Turm Biforenfenster auf. Von den beiden Apsiden existiert ebenfalls nur mehr die mit Lisenen, Trapezkapitellen und einem flachen Rundbogenfries verzierte östliche Halbkreisapsis. Kunstgeschichtlich noch bedeutsamer als die Kapelle selbst ist ihre dreischiffige, in Österreich einzigartige, Hallenkrypta unter der erhöhten Westempore. Die vier Mittelstützen des Raumes tragen wuchtige reliefierte Würfel- und Blattkapitelle, deren Mensch- und Tierabbildungen bis heute noch nicht schlüssig interpretiert sind. Der Ausgang in den Hof ist neueren Datums. Ursprünglich war die Krypta nur von der Kirche aus zugänglich. Später wurde sie teilweise mit Schutt zugeschüttet, so dass ihre Bedeutung nicht mehr erkannt wurde.

Die heutigen Bauteile der reich gegliederten und weithin sichtbaren Burg stammen größtenteils aus dem 16. Jahrhundert. Sie umschließt einen kleinen rechteckigen Innenhof mit Pfeilerarkaden. Aufgrund ihrer Mauerstärke ist bei manchen Bauten ein wesentlich höheres Alter zu vermuten, doch fehlen noch nähere Untersuchungen. Ein spitzbogiges Biforenfenster im Obergeschoß des talseitigen Westtraktes deutet darauf hin, dass sich hier einst der Palas einer spätromanisch-frühgotischen Burg des späteren 13. Jh. befunden hat. Er war mit dem Westturm der Kirche durch eine hölzerne Brücke verbunden, die bei Bedarf leicht abgebrochen werden konnte. Das im Südflügel gelegene spitzbogige Zugbrückenportal stammt aus einer spätmittelalterlichen Bauphase. Die gesamte Portalzone ist ebenso wie ein Flacherker rechts von ihr und der zweiteilige Breiterker darüber mit einer farbenprächtigen Renaissancemalerei überzogen. Die ganze Anlage wurde teilweise noch im späten Mittelalter, vorwiegend aber im 16. Jh. mit einem ausgedehnten Befestigungssystem mit Vorburg und Zwinger umgeben. Wegen des gleichzeitig angelegten tiefen und breiten Grabens waren für die Neubauten weit hinabreichende Substruktionen erforderlich. Dieser Graben wird von einem mächtigen Wall umschlossen, der die Basis für den äußeren Bering und mehrere runde bzw. halbrunde Mauertürme ist. Im Südosten wurde der Zugang durch vorgelegte Außenwerke zusätzlich gesichert. Die bereits für Feuerwaffen eingerichteten Verteidigungsanlagen zeigen interessante Details wie z. B. dreifach gruppierte Gewehrscharten oder auf Pfeiler vorgesetzte Schießkammern. Im Inneren der Burg finden sich noch einige alte Balkendecken und Fresken aus der Renaissancezeit.

Lage: Niederösterreich/Waldviertel – oberhalb von Mühldorf, ca. 6 km westlich von Spitz

Ort/Adresse: 3622 Mühldorf, Niederösterreich

Besichtigung: Die Burgkapelle sowie die Krypta sind im Rahmen einer kleinen Führung zu besichtigen

Sonstiges: Ein wesentlich besseres Bild der Anlage erhält man jedoch, wenn man das Angebot der Frühstückspension in Anspruch nimmt und in einem der zwölf, zum Teil mit mittelalterlichen Fresken und altem Mobiliar ausgestatteten Gästezimmer übernachtet.


Weitere Literatur:


15.12.2002