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Ehrenberg (Ernberg)


Um die Mitte des 13. Jahrhunderts gehörte das Gebiet des späteren Gerichtes Ehrenberg, also des Außerferns, zum größten Teil den Hohenstaufen. Graf Meinhard II von Görz-Tirol hatte seinen Stiefsohn Konradin von Hohenstaufen bei dessen Versuch, die ehemaligen staufischen Besitzungen in Süditalien zurückzugewinnen, reichlich mit Geld unterstützt. Das Vorhaben scheiterte und Konradin wurde in Neapel hingerichtet. Meinhard konnte jedoch die ihm als Sicherstellung verpfändeten staufischen Güter im Außerfern behalten, wodurch Tirol nicht unwesentlich vergrößert wurde. Der Hauptfeind Tirols war über Jahrhunderte hinweg Bayern. Tirol hatte aber den Vorteil, dass es durch eine größere Streitmacht von Norden her nur an drei Stellen angegriffen werden konnte: Kufstein, Scharnitz und Reutte. Ansonsten war es durch die Nordkette und andere hohe Berge geschützt. Zur Sicherung seiner Nordgrenze hatte Meinhard bereits 1280 die Burg Pfronten oder Falkenstein erbauen lassen. Auf Grund ihrer extremen Lage in 1277 m Seehöhe hatte sie aber keine militärische Bedeutung. Sie diente Meinhard in erster Linie als Drohgebärde in Richtung Bayern. 1292 belehnte er Bischof Wolfard von Augsburg mit der Burg. Als Ersatz ließ er auf dem 150 m hohen Katzenberg südlich von Reutte die Burg Ehrenberg erbauen, die einen Angriff von Norden her wesentlich leichter abwehren konnte als Falkenstein. 1296 wird die Veste als Ernberch erstmals erwähnt. Zu dieser Zeit war der Burgenbau in Europa bereits weitgehend außer Mode gekommen. Ehrenberg war noch ein sehr einfacher mittelalterlicher Bau, der sich erst ab dem 14. Jahrhundert zur mächtigen Grenzfestung entwickeln sollte. In Friedenszeiten wurde von dem hier untergebrachten Gericht praktisch das gesamte Außerfern verwaltet. Als erster Gerichtsherr und Burghauptmann wurde 1296 der Ritter Heinrich von Starkenberg bestellt. 1305 wurde die Burg erstmals als Grenzfestung erwähnt. 1317 hatte die Kernburg (ursprünglich nur 30 x 30 m) bereits ihre doppelte Größe erreicht. Sie war nie Adelssitz und von Anfang an landesfürstlich.

Die Söhne Meinhards II, die Herzoge Ludwig, Otto und Heinrich setzten den Ausbau fort, doch musste zur Geldbeschaffung Ehrenberg 1314 bereits erstmals verpfändet werden. Die Burg war auch für die späteren Tiroler Landesfürsten ein wertvolles Pfandobjekt. 1744 fand die letzte Verpfändung, diesmal an die Gerichtsgemeinde von Ehrenberg statt. Besonders wichtig war natürlich die Einhebung des Wegzolles. An der Via Claudia Augusta, die von Eppan über den Reschenpass nach Augsburg führte, gab es sieben Zollstationen. Ehrenberg war die letzte. Zu den ersten Baumaßnahmen zählte daher auch die Errichtung der Ehrenberger Klause. Diese bestand ursprünglich nur aus einer einfachen Sperrmauer mit einem Tor. Sie kontrollierte unterhalb der Burg das Tal und die wichtige Straße nach Bayern. Erst 1766 wurde das Hauptzollamt von der Klause nach Reutte verlegt. Zu den lukrativen Aufgaben des Pflegers gehörte auch die Einhebung aller möglichen Abgaben, die zum Teil an den Landesfürsten weitergeleitet werden mussten. Diese erfolgten zuerst in Naturalien, doch wurden die meisten im Laufe der Zeit in Geld abgelöst, so vor allem der Zehent, also der zehnte Teil der Ernte. Es verblieben aber noch etliche skurrile Abgaben in natura. So mussten pünktlich an bestimmten Tagen ein Paar Fußeisen, 12 Metzen Mühlstaub als Hundefutter und zwei Lebkuchen abgeliefert werden. Anderseits war der Pfleger für die Instandhaltung der Wege und Brücken über den Lech im Gericht Ehrenberg verantwortlich. Eine wichtige Aufgabe war bei drohender Gefahr der Einsatz des ausgeklügelten Systems von Kreidfeuern, Alarmschüssen und Kirchengeläute. Zum Ausbau der Burg und der umliegenden Verteidigungseinrichtungen musste die Bevölkerung unentgeltliche Robotdienste leisten. Unter Erzherzog Maximilian III betrugen sie neun Tage pro Jahr. Allerdings konnte man sich davon freikaufen, was wichtige Einnahmen für den Ausbau der Burg bedeutete.

Herzog Heinrich hatte eine Tochter, die als Margarethe Maultasch in die Geschichte einging. 1363 übertrug sie Tirol an die Habsburger Rudolf IV den Stifter, Albrecht III und Leopold III, die dadurch auch die Festung Ehrenberg übernahmen. 1415 kam es zur ersten Belagerung Ehrenbergs, als die schwäbischen Städte, die sich mit Soldaten des Herzogs von Bayern verstärkt hatten, versuchten, Gebiete des abgesetzten Herzogs Friedrich IV (Friedl mit der leeren Tasche), an sich zu reißen, was aber von den Tirolern verhindert werden konnte. Erzherzog Sigmund „der Münzreiche“ bestellte den reichen Augsburger Patrizier Jörg Gossenbrot 1477 zum Pfleger von Ehrenberg. Dieser finanzierte den meist in Geldnöten befindlichen Erzherzog und erhielt dafür Burg und Gericht Ehrenberg als Pfand. Im Auftrag von Sigmund baute er die Burg und vor allem die Klause aus. Bei seiner Amtsübernahme gab es noch keine Kapelle aber bereits ein mit Ketten ausgestattetes Verlies. Unter ihm kam es bereits zu einem Minimum an Wohnkomfort für den Pfleger. Während unter Sigmund in erster Linie der Wohntrakt im Norden sowie der West- und der Osttrakt ausgebaut wurden, legte der auf ihn folgende Kaiser Maximilian I auf die Verbesserung der Verteidigungsanlagen großen Wert. Er kannte Ehrenberg recht gut, da er es als Stützpunkt für die Gemsenjagd benützte. Er beauftragte Gossenbrot, der als Finanzgenie galt, mit der Sanierung des zerrütteten österreichischen Staatshaushaltes. Diese Aufgabe konnte er allerdings nicht vollenden, da er plötzlich 1502 - angeblich an einer vergifteten Blutwurst – starb. Als 1525 der Allgäuer Bauernkrieg auf das Außerfern überzuschwappen drohte, ließ Erzherzog Ferdinand gerade noch rechtzeitig Ehrenberg durch 100 Reiter und genügend Munition verstärken. Die Aufständischen, die bereits in Tirol eingedrungen waren, konnten daher rasch vertrieben werden. Ferdinand brauchte aber die Unterstützung der Bauern des Außerfern. Er erhielt sie auch, aber erst als er unter dem Druck des Volkes den verhassten Pfandherrn Don Gabriel Salamanca und dessen Pfleger auf Ehrenberg, Eberhard von Freiberg, hatte ablösen lassen. Durch diese Maßnahmen blieb das Außerfern von einem drohenden Bauernaufstand verschont. Ehrenberg hatte schon längere Zeit keine Feinde mehr vor seinen Mauern gesehen, als sich 1531 in der thüringischen Stadt Schmalkalden sechs protestantische Fürsten und Grafen sowie 11 Reichsstädte zu einem Bund gegen den Kaiser und die Katholiken zusammengeschlossen hatten. Diese reagierten mit der Gründung der Heiligen Liga, der auch der Papst beitrat. Die Burg war schlecht ausgerüstet und unterbesetzt, als die Schmalkalden 1546 auf Kriegszug nach Innsbruck waren. 71 Verteidiger standen 2000 Landsknechten gegenüber, die in einem Handstreich bereits die Klause überrannt hatten. Der Pfleger Jakob von Thurn musste kapitulieren. Die Kaiserlichen waren jedoch mittlerweile zum Angriff auf Augsburg angetreten, so dass der schmalkaldische Söldnerführer Sebastian Schertlin von Burtenbach seine Truppen von Ehrenberg abzog. Er ließ lediglich 50 Mann unter der Führung von Balthasar Fieger zurück. Dadurch hatte die Tiroler Entsatzarmeee die Chance Ehrenberg vom gegenüberliegenden Falkenberg mit schwerer Artillerie zu beschießen. Ihr Kommandant war der Tiroler Feldzeugmeister Melchior Fieger, ein katholisch gebliebener Bruder des protestantischen Verteidigers der Burg, Balthasar Fieger. Nach zweitägigem Beschuss war Ehrenberg sturmreif. Seine Besatzung hatte sich gerade noch rechtzeitig abgesetzt. Ehrenberg war wieder in Tiroler Hand, allerdings von den eigenen Leuten schwer beschädigt. Vor allem die Süd- und die Ostseite hatte schwere Schäden erlitten. Dürnitz und Burgeingang waren eingestürzt. Der Wiederaufbau dauerte bis 1551, wobei die Untertanen schwere Robotarbeiten leisten mussten.

Nach seinem Wiederaufbau konnte Ehrenberg gegen Kurfürst Moritz von Sachsen gehalten werden. Er war der Anführer einer protestantischen Fürstenverschwörung gegen Kaiser Karl V, der gerade in Innsbruck weilte. Ehrenberg wurde wieder aufgerüstet und die Ehrenberger Klause von einem kaiserlichen Regiment unter Oberst Konrad von Hanstein besetzt. Zu den Verteidigern Ehrenbergs zählte auch der bekannte Innsbrucker Büchsenmacher und Erzgießer Gregor Löffler. Dies half aber nur zum Teil, denn die Söldner der Protestanten, die zuvor in offener Feldschlacht bei Reutte die Kaiserlichen vernichtend geschlagen hatten, konnten durch einen Überraschungsangriff die Klause erobern, während sich die Festung halten konnte. Moritz zog mit seiner Truppe weiter nach Innsbruck, doch hatte sich der Kaiser bereits nach Südtirol in Sicherheit gebracht. Am Rückzug der Protestanten nach Deutschland kam es zu schweren Plünderungen und Brandschatzungen. Die kriegerischen Auseinandersetzungen führten 1555 zum Religionsfrieden von Augsburg, in dem festgelegt wurde, dass der Landesfürst die Religion seiner Untertanen bestimmen sollte. Nach dem Überfall des Kurfürsten ließ König Ferdinand von Fachleuten prüfen, wie man das Außerfern gegen Norden hin besser schützen könnte. Die rasante Entwicklung der Artillerie hatte mittelalterliche Burgen, wie auch Ehrenberg noch immer eine war, obsolet gemacht. Die Feste konnte mittlerweile nicht nur vom Falkenberg, sondern auch vom Hornberg, dem heutigen Schlosskopf wirkungsvoll unter Beschuss genommen werden. Es wurde zwar viel diskutiert, es kam jedoch zu keinen Baumaßnahmen. 1566 bemängelte ein Inspektionsbericht des Freiherrn Christoph von Wolkenstein die schlechte Ausrüstung und die mangelnde Verteidigungsbereitschaft. In der Waffenkammer befanden sich noch 500 Spieße und 25 Hellebarden, die für eine moderne Verteidigung völlig ungeeignet gewesen wären. Dennoch wurden nur die notwendigsten Arbeiten durchgeführt. Unter anderem wurde eine neue Zisterne gegraben, da zuvor das Wasser von der Klause zur Burg transportiert werden musste, was vom Feind leicht zu unterbinden gewesen wäre. Der Ausbau zur flächenmäßig größten Burg des Landes erfolgte anfangs des 17. Jahrhunderts. Erzherzog Maximilian III der Deutschmeister hatte 1602 die Regentschaft über Tirol übernommen. 1606 verlegte der Pfleger Burkhard Laymann den Gerichtssitz in das leichter erreichbare Reutte. Er hatte schon bald nach seinen Amtsantritt 1602 von den Edlen von Kleinhans deren Edelsitz Ehrenheim erworben. Dieser beherbergt noch heute das Bezirksgericht. Ehrenberg war nun ein Bauwerk, das fast ausschließlich der Landesverteidigung diente. Lediglich das mit dem Gericht verbundene Gefängnis verblieb bis zur Aufhebung der Feste Ehrenberg in ihr. Von 1607 bis 1609 waren hier u. a. Bartolomeo Lucchese und Franz de Couvrier planend tätig. Es entstanden neue Wehrmauern und Basteien. Im Süden wurde ein neuer Zwinger angelegt und das alte Tor durch eine Zugbrücke und ein vorgelegtes weiteres Tor geschützt. Lucchese plante auch eine große Sternschanze, doch unterblieb deren Ausführung wegen der hohen Kosten. Auch die Klause wurde durch Bastionen verstärkt. Die neuen Zwingeranlagen sollten die feindliche Artillerie auf Distanz halten.

Im Dreißigjährigen Krieg setzten die Innsbrucker Baumeister Christoph und Elias Gumpp auf eine umfassende dezentrale Regionalverteidigung und befestigten die vorgelagerten Engstellen, um die feindliche Artillerie möglichst lange von der Hauptfestung fern zu halten. Auch die Klause erhielt starke Vorwerke und Schanzen. Am Falkenberg wurde eine neue Schanze errichtet. 1632 entging Ehrenberg nur knapp einem Angriff der vorgedrungenen Schweden, die bereits Reutte eingenommen hatten. Ehrenberg wurde in aller Eile neuerlich verstärkt. Die Pässe um die Festung wurden bemannt und verschanzt. Die Verteidigung Ehrenbergs wurde von Herzog Leopold V persönlich geleitet. Nachdem Füssen, das von den Schweden bereits besetzt war, rückerobert worden war, wurde ein Teil der bayerischen Besatzung auf Ehrenberg gefangen gehalten. Da aber ein Teil des Tiroler Aufgebotes und der kaiserlichen Regimenter zu den Schweden übergelaufen war, wurde die Situation für Ehrenberg neuerlich bedrohlich. Kurz vor dem geplanten Angriff auf Ehrenberg hatten die schwedischen Truppen jedoch den Befehl erhalten, zur Entscheidungsschlacht bei Lützen abzumarschieren. Zwar gab es bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges nun keine Feinde mehr im Außerfern, doch richteten durchziehende kaiserliche Verbände im Land die gleichen Verwüstungen an, wie zuvor der schwedische Feind. Erzherzogin Claudia ließ in großer Eile am Falkenberg das Fort Claudia errichten. Um Kosten zu sparen wurden dabei alle Bettler und Landstreicher, denen man in Tirol habhaft werden konnte, aber auch verurteilte Verbrecher als Arbeitskräfte eingesetzt. Die Brüder Gumpp schufen einen Festungsgürtel, der einen hohen Wirkungsgrad gehabt hätte, wäre er vollendet und dann angegriffen worden. Ehrenberg und Tirol blieben aber vorerst von Angriffen verschont. Als der mit Frankreich verbündete bayerische Kurfürst Max Emanuel im Spanischen Erbfolgekrieg während des „Boarischen Rummels“ 1703 in Tirol einfiel, gelang es ihm die Festung neuerlich einzunehmen. Da der Pfleger von Ehrenberg, Baron Johann Gaudenz von Rost, nicht einmal mehr 100 Mann zur Verteidigung hatte, musste er Ehrenberg den 1500 Mann des Generals Lützelburg kampflos übergeben. Kurz danach erhob sich der Tiroler Landsturm und belagerte nun seinerseits Ehrenberg. Unter anderem wurden zwei Kanonen, die zuvor im Flussbett des Lech vergraben worden waren, von Tiroler Schützen auf den Schlosskopf geschleppt und mit ihnen die Festung unter Beschuss genommen. Da nach einigen Tagen kaiserliche Truppen eintrafen, konnte sie nicht gehalten werden und musste den Tirolern wieder übergeben werden. Der bayerische Kommandant Baron Haidon wurde später vor ein Kriegsgericht gestellt und wegen der vorschnellen Übergabe hingerichtet.

Die kriegerischen Ereignisse der letzten 300 Jahre hatten in Tirol Wirkung gezeigt. Im 18. Jahrhundert wurden ständig eine oder zwei Kompanien auf Ehrenberg stationiert. Ehrenberg war nun einer der größten und umfangreichsten Verteidigungsbauten Nordtirols, doch hatte es trotz seiner 56 Kanonen keine Gelegenheit mehr, seine Wehrhaftigkeit im Ernstfall zu beweisen. Es gab keine ernsthafte Bedrohung mehr, was ein Glück war, da man etwa 600 Mann zur Verteidigung aller Wehranlagen gebraucht hätte. Zwei Jahrhunderte zuvor konnte man noch mit kaum 100 Mann auskommen. Der russische Zarewitsch Alexej Petrowitsch , der große Probleme mit seinem Vater, dem Zaren Peter dem Großen hatte, hielt sich auf seiner Flucht 1716/17 eine Zeitlang als Staatsgast auf Ehrenberg auf, musste aber letzten Endes zu seinem Vater zurückkehren. Zwar wurde ihm von diesem Straffreiheit zugesichert, doch wurde er nach seiner Ankunft verhaftet und zum Tode verurteilt. Gerüchten zufolge soll er von seinem eigenen Vater erwürgt worden sein. Um die Überhöhung des Schlosskopfs zu nutzen, wurde zwischen 1733 und 1741 dort eine starke Festung errichtet. Kaiser Josef II hob Ehrenberg 1783 als Grenzfestung auf. Soweit möglich wurde alles versteigert oder verkauft (Eisen, Holz, Dachziegel, Tore, Nägel, Fenster usw). Um der Gebäudesteuer, die nach der Dachfläche berechnet wurde, zu entgehen, ließen die neuen Besitzer alle Dächer entfernen. Mangels Pflege setzte danach natürlich der Verfall ein. Während der Franzosenkriege wurden die einstigen Befestigungen notdürftig instand gesetzt und neue Schanzen errichtet. Erzherzog Johann plante 1815 sogar die gesamte Festung zu reaktivieren, doch musste er auf Wunsch des Kaisers Tirol verlassen. Franz I(II) misstraute seinem Bruder, da er befürchtete, dass der beim Volk sehr beliebte Erzherzog das Königreich Rätien (Tirol, Vorarlberg, Schweiz, Oberitalien) für sich schaffen könnte. Er ließ ihn daher politisch kaltstellen. Die Festung diente bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein als Steinbruch und Baustofflieferant. 1857 erwarb der Industrielle Friedrich Carl Hermann, der in Reutte eine Textilfabrik betrieb, die Ruine. Er und sein Nachfolger Ing. Gerhard Schöner verhinderten ihren kompletten Abbruch. Ihre Nachkommen sind noch heute die Eigentümer des Festungsareals. 1938 wollte die Gemeinde Reutte die Ruine Hermann Göring schenken, dessen Mutter aus der Umgebung stammte. Es kam jedoch nicht mehr dazu. Sogar 1945 wurden noch Panzersperren und Schützengräben angelegt, doch konnten auch diese das Ende des Dritten Reiches nicht verhindern. Erst 1970, als die weitläufige Ruine bereits völlig von der wuchernden Vegetation verschluckt war, begannen Sicherungsarbeiten. Mit der Gründung des „Europäischen Burgenmuseums Ehrenberg“ konnte die Revitalisierung der ausgedehnten Anlage in Angriff genommen und mittlerweile abgeschlossen werden. Heute wird die Burgruine u. a. mit Kinder- und Ritterfesten vermarktet. In den historischen Räumen finden Hochzeiten statt und in der „Neuen Kaserne“ werden Popkonzerte und Bälle abgehalten.

Ehrenberg liegt auf einem beherrschenden Felsen südlich von Reutte. Es ist flächenmäßig die größte Burg- oder Festungsanlage Tirols. Sie besteht aus der alten Burg, der gleichzeitig errichteten Ehrenberger Klause, dem Fort Claudia am Falkenberg und den relativ modernen Befestigungen am Schlosskopf. Die meisten Bauten stammen aus dem 15./16. Jahrhundert. Lediglich im Südtrakt haben sich geringe Reste der ursprünglichen Anlage aus dem späten 13. Jahrhundert erhalten. Allerdings liegt fast alles in Ruinen. Vereinzelt sieht man gefaste oder gekehlte Fensterrahmen aus Tuffquadern aus dem 15. Jahrhundert. Die strategische Lage Ehrenbergs war für eine Festung, die über mehrere Jahrhunderte das Eindringen feindlicher Truppen aus dem Norden verhindern sollte, nicht ideal. Mit dem Aufkommen der Artillerie und vor allem mit deren ständigen Verbesserung zeigte es sich, dass die umliegenden Berge höher als die Burg waren und dadurch eine ständige Bedrohung gegeben war. Anfangs spielte dies keine große Rolle, da die ersten Kanonen ohnehin nicht soweit schießen konnten. Deren Wirkungsgrad verbesserte sich aber rasch. Die Gipfel mussten daher bald befestigt werden um es den Angreifern nicht zu ermöglichen, hier ihre Artillerie in Stellung zu bringen. Außerdem gab es durch die topographische Lage mehrere Möglichkeiten, die Festung zu umgehen. Es mussten daher mehrere Vorwerke und Talsperren errichtet werden. Die Erhaltung und Verbesserung dieser Wehranlagen war sehr aufwendig und hatte nur bedingten Erfolg. Nach der Aufhebung der Festung verzichtete man daher auch auf eine weitere Pflege der umliegenden Befestigungen. Die im Grundriss polygonale, aber einem Rechteck ähnliche Hauptburg liegt auf einem nach Nordwesten hin steil abfallenden Felsrücken, wobei die äußeren Befestigungen wie Zwinger und Vorburg teilweise aus dem Felsen gehauen wurden. An der Angriffsseite ist die Burg durch einen doppelten Mauerring gesichert, der durch zwei Rundtürme – dem Falkenturm und dem Pulverturm – verstärkt ist. Im Norden und Osten war die Festung durch zusätzliche Schanzen befestigt. Die Sternschanze ist noch gut zu erkennen. Zwei Toranlagen sicherten den Weg, der von der Klause empor führt. Die aus Bruchsteinen errichteten Außenmauern waren ursprünglich nur ca. 90 cm stark. Teilweise waren sie im Fischgrätverband verlegt. Vor der Südfront der Hochburg liegt ein schmaler Zwinger (16. Jh.) mit einem unterirdischen, aus dem Fels gesprengten Zugang zur Kernburg. Vorgelagert ist der vermutlich von Bartolomeo Lucchese 1607/08 errichtete „äußere Zwinger“ mit Tordurchfahrt und Fußgängerpforte.

An der Innenseite der Außenmauern waren Wohn- und Wirtschaftsgebäude angebaut. Sie umschließen einen langgestreckten rechteckigen Hof. Der 1477 erwähnte „Neue Bau“ besaß einen großen Saal, in dem Geschütze lagerten. Der „Hohe Stock“ genannte dreigeschossige Turm springt im Süden des Hauptgebäudes zweiachsig nach Osten vor. Er war ursprünglich ca. 15 m hoch. Seine Mauerstärke beträgt an der Angriffsseite gegen den Falkenberg 2,20 m, während die anderen Fronten lediglich 1,20 bis 1,40 m dick sind. Die Eckverbände bestehen aus sorgfältig behauenen Tuffsteinen. Die Fenster mit ihren längst ausgebrochenen Rahmen verweisen auf das ausgehende Mittelalter. Im Osttrakt waren das Gefängnis, eine Bäckerei und eine Küche untergebracht. Unter Sigmund oder Maximilian wurde eine weitere Küche eingebaut. Zur Verteidigung des Torweges wurde in der Südwestecke ein runder Basteiturm, die sog. Dürnitz, errichtet. Sie diente vorwiegend als Waffendepot. Im Erdgeschoß standen einige Geschütze. Im Süden schloss eine hohe Wehrmauer mit Wehrgängen die Burg ab. Der Westtrakt beherbergte die Pferdeställe und darüber wohl auch eine Gästewohnung für Kaiser Maximilian I. Wo sich die 1525 erstmals erwähnte, von Jörg Gossenbrot eingerichtete Nikolauskapelle befand ist nicht mehr exakt festzustellen. Der Zugang zur Burg war durch einen Torzwinger geschützt, dessen Ringmauer natürlich auch einen Wehrgang hatte. Der mächtige halbrunde Basteiturm im Nordosten wurde Falkenturm genannt. Er stand ursprünglich isoliert außerhalb des Burggeländes. Durch seine Errichtung und die Anlage einiger Verbindungsmauern wurde das nördliche Vorgelände in den Festungsbereich einbezogen. Im 18. Jahrhundert erbaute man am gegenüber liegenden „Schlossangerl“ ein kasemattiertes Hornwerk, von dem man den Torweg unter Feuer nehmen konnte. Dieses war mit der mächtigen, erst im 18. Jahrhundert errichteten barocken Festung am Schlosskopf verbunden.

Die Straßensperre der Ehrenberger Klause liegt direkt unterhalb der Burg in einer Talenge. Sie war für den Landesfürsten aus finanziellen Gründen fast wichtiger als die Burg am Berg. Aus einem Inventar von 1510 ist ersichtlich, dass hier beträchtliche Mengen an Waffen gelagert waren. Den Reisenden dienten eine Poststation und eine Taverne. Oberhalb der nördlichen Tordurchfahrt ist das Marmorwappen des Erzherzogs Maximilian III angebracht. Eine Inschrift erinnert daran, dass er 1609 die Klause restaurieren und ausbauen ließ. Damals ließ Bartolomeo Lucchese die noch spätmittelalterliche Befestigung mit vier Eckbastionen und Vorwerken nach italienischen Festungsvorbildern umgestalten. Ein Marmorstein an der Südfassade trägt das Doppelwappen des Gerichtes Ehrenberg und des Pflegers Burkhard Laymann. Er befand sich ursprünglich ebenfalls an der Nordseite. 1632 kam es zu umfangreichen Bauarbeiten. Im 18. Jahrhundert ließ der Pfleger Johann Gaudenz von Rost die zweistöckige „Neue Kaserne“ errichten. Lediglich zwei Gebäude (Moritzkapelle und die ehemalige Wohnung des Zolleinnehmers) haben sich in der Klause baulich erhalten, da sie 1783 vom Verkauf an Private ausgenommen waren. 1782 wurde die Einrichtung der Nikolauskapelle der Hochburg in die 1712 in der Ehrenberger Klause eingerichtete Moritzkapelle gebracht. 1806 wurde auch diese aufgelassen und das Inventar den Franziskanern zur Aufbewahrung übergeben. Von den starken Sperrmauern des 18. Jahrhunderts an der Klause im Tal ist nur mehr das Hornwerk vorhanden. Von ihm aus zogen sich Sperrmauern die Hänge hinauf, die das Tal völlig abriegeln konnten. Bereits ab 1639 wurde am Plateau des Falkenberges nach Plänen von Elias Gumpp das Fort Claudia erbaut, das ebenfalls eine Umgehung der Klause verhindern sollte. Durch seine Überhöhung war es auch für eine Verteidigung der Burg bestens geeignet. Es ist nach der Witwe des Erzherzogs Leopold V, Claudia von Medici, benannte, die nach dem Tod ihres Gatten als Regentin tatkräftig die Verteidigung des Landes organisiert hatte. Nach der Auflösung der Festung blieb das Kernwerk des Forts noch bis in das 19. Jahrhundert bewohnt. Der jüngste und modernste Wehrbau Ehrenbergs ist das „Obere Schloss“ am Schlosskopf, das bereits 1645 von Elias Gumpp dringend verlangt wurde, aber erst in den Jahren 1726 bis 1741 entstanden ist. Es verfügte bereits über bombensichere Gewölbe, in die sich die Besatzung zurückziehen konnte. Obwohl es der modernsten Festungstechnik entsprach, wurde es bereits nach 42 Jahren obsolet, da mit der Aufgabe der Festung auch sein Schicksal besiegelt war. Von den mehrfachen hölzernen Talsperren im weiteren Vorfeld der Festung (Tannheimertal, Kniepass, Lechschanze usw), die einem Feind das Umgehen der Festung erschweren sollten, ist kaum mehr etwas erhalten.

Lage: Tirol/Außerfern – knapp südlich von Reutte

Besichtigung: jederzeit frei zugänglich. Das Museum in der Klause ist vom 26. 12. bis 01.11. täglich von 10.00 bis 17.00 geöffnet

Homepage: www.ehrenberg.at


Weitere Literatur:


11.05.2012