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Rabenstein (Osttirol)


Funde einzelner Münzen im Umfeld des Ruinengeländes belegen lediglich, dass hier zur Römerzeit ein Weg vorbeiführte. Für ein römisches Kastell als Vorläufer der späteren Burg gibt es jedoch keine Hinweise. Im frühen Mittelalter gehörte das Iseltal zur Grafschaft Lurn. Später, etwa um 1100, konnten sich die Grafen von Lechsgemünd hier festsetzen. Erstmals 1252 wird von einem „castrum Virge“ gesprochen, das den Grafen von Tirol gehörte. Es dürfte um 1200 errichtet worden sein. Im Frieden von Lieserhofen wurde damals festgelegt, dass die Feste innerhalb eines halben Jahres dem Bistum Salzburg als Kompensation für angerichtete Kriegsschäden zu übergeben sei. Zuvor hatte Meinhard III von Görz gemeinsam mir Albert III von Tirol im Rahmen der kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Kärntner Herzog Bernhard und dessen Sohn Philipp, den Erzbischof von Salzburg (den Erwählten) eine wichtige Schlacht verloren, so dass sie den Friedensvertrag akzeptieren mussten. Obwohl die beiden Söhne Meinhards III als Geiseln gestellt wurden, kam es zu keiner Übergabe der Burg. Nach dem Tod Alberts III von Tirol erbte Meinhard III das Gericht Virgen und damit auch Rabenstein, das damals Burg Virgen genannt wurde. Bei der Besitzteilung von 1271 kam die Feste an Albert II von Görz, der einen großzügigen Ausbau veranlasste. 1303 verzichteten die Salzburger Erzbischöfe auf ihre Ansprüche. 1333 wird die Erbauung der Burgkapelle erwähnt, für die Albert III von Görz eine Kaplanei stiftete. Die Kapelle war dem hl. Leonhard geweiht. 1452 wurde ihr durch den Brixner Bischof Kardinal Cusanus ein Ablass gewährt, was eine Rangerhöhung bedeutete und darauf hinweist, dass sie damals eine bei der Bevölkerung beliebte Wallfahrtskapelle war. Der Burgkaplan durfte keine pfarrlichen Rechte ausüben. Sein Wirkungskreis war auf die Burg beschränkt, doch dürfte ihm seine Tätigkeit dennoch beträchtliche Einkünfte verschafft haben.

Kaplan Paul Schweinacher war 1488 Stifter und Auftraggeber eines Teiles der berühmten Fresken in der Kirche von Obermauern, in denen er sich auch hatte abbilden lassen. Die Herrschaft wurde bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts von Pflegern verwaltet. Der Name Rabenstein kam erst im 15. Jahrhundert auf. Das dazu gehörende Gericht Virgen wurde 1307 erstmals genannt. Ursprünglich durfte es sich nur um leichtere Verbrechen kümmern, doch besaß es im 15. Jahrhundert auch die Blutgerichtsbarkeit. Als die Görzer 1460 im Frieden von Pusarnitz auf Lienz und ihre oberkärntnerischen Herrschaften verzichten mussten, blieb ihnen das Gericht Virgen erhalten. Die Burg blieb bei der albertinischen Linie der Grafen von Görz bis zu deren Aussterben. Graf Leonhard war der letzte seiner Familie. Er starb im Jahr 1500 und wurde vom damaligen König und Tiroler Landesfürsten Maximilian I beerbt. Dieser setzte Ulrich Mutscheller als Pfleger ein. Aber schon im nächsten Jahr wurden die Herrschaften Lienz und Virgen an Michael von Wolkenstein-Rodenegg verkauft. Dessen Nachkommen besaßen die Burg bis 1646 und setzten ihrerseits Pfleger ein. Diese hatten vor allem in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit ihren Untertanen, die sich sogar beim Landesfürsten Erzherzog Ferdinand über sie beschwerten, größere Probleme. Allerdings verhielten sie sich beim Tiroler Bauernkrieg von 1525/26 loyal.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wird mehrmals ein zur Burg gehörender Tiergarten erwähnt. Die Burg diente auch als Gefängnis des Gerichtes Virgen, aber auch als Urbaramt. Wie üblich waren die Verliese im Bergfried untergebracht. Im 17. Jahrhundert wurde offenbar wenig in die Erhaltung der Bausubstanz investiert, da mehrfach über ihren schlechten Zustand geklagt wurde. Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Hauses Wolkenstein erwarb 1653 das Königliche Damenstift in Hall die gesamte Herrschaft Lienz, was aber am schlechten Bauzustand nichts änderte. Da 1655 Teile der Burgmauern abgestürzt waren und auch für die restlichen Baulichkeiten große Einsturzgefahr bestand, zog der Pfleger 1703 in ein Pflegerhaus im Ort Virgen. Die Burg wurde geräumt, die Kapelle profaniert und ihre Einrichtung in Sicherheit gebracht. Möglicherweise stammen zwei heute in der Ulrichskapelle von Mellitz aufbewahrte spätgotische Apostelfiguren aus der Burgkapelle. Das 1333 gestiftete Benefizium wurde auf den Ansitz Lieburg in Lienz übertragen. Im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts verfiel die Burg völlig. 1779 wurde Rabenstein als „alt zerfallenes Schloss“ bezeichnet. 1852 ging die Ruine mit den umliegenden Gründen in bäuerlichen Privatbesitz über. Erst als 1962 auf Grund eines Blitzschlages sowohl die Süd- als auch die Westmauer des Bergfrieds einstürzte, wurden die verbliebenen Reste gesichert. Heute ist die Ruine ein beliebtes Wanderziel.

Wegen seiner Größe und der malerischen Lage zählt Rabenstein zu den eindrucksvollsten Burgen Tirols. Es liegt auf 1410 m Seehöhe und ist damit auch einer der höchstgelegenen Wehrbauten des Landes. Die Burg erstreckt sich oberhalb von Virgen auf einem steilen Hang des Kristallkopfmassivs. Dadurch weist das 4.800 m² große Burgareal beträchtliche Höhenunterschiede auf. Der Zugang erfolgt von Osten her, da der Westhang steiler abfällt. Die Anlage hat trotz des schwierigen Geländes einen nahezu regelmäßigen Grundriss. Sie bildet ein Quadrat mit Seitenlängen von 36 bis 37 m. Die bei feindlichen Angriffen am meisten gefährdete Nordecke wurde durch den Bergfried geschützt. Sie ist zugleich die höchste Stelle des Burgareals. Von hier aus führen zwei bis zu 10 m hohe und 1,6 m starke Wehrmauern steil hinab und begrenzen einen großen Burghof. Der Bergfried liegt etwa 15 m über dem Niveau des Hofes. An die westliche Mauer ist nur ein kleiner Wohnbau angefügt, der als Pfaffenstöckl bezeichnet wird. Er wurde um die Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut. Im östlichen und südöstlichen Bereich des Hofes befinden sich ausgedehnte Ruinenfelder, bei denen es sich um die einstigen Wohn- und Wirtschaftsgebäude handelt. Sie waren direkt an die Ringmauer angebaut oder bildeten mit ihren Rückseiten selbst den Bering. Auf Grund des totalen Zerfalls lassen sich keine Räumlichkeiten mehr bestimmen. An der Südwestseite lag ein großes rechteckiges Gebäude, bei dem es sich wohl um den einst mehrgeschossigen Palas handeln dürfte. Vermutlich wurde er bereits um 1200 errichtet und stammt aus der Erstburg. Es sind jedoch nur mehr die Grundmauern vorhanden. Diese begrenzen mit 25 x 11 m eine relativ große Grundfläche. An diesen Bau schloss in der Südostecke des Hofes die ehemalige Kapelle an. Von ihr steht nur mehr die Nordmauer aufrecht. Sie war einst zweigeschossig und mit Wandgemälden des 14. Jahrhunderts geschmückt. Vom ehemaligen Torturm, der an die Kapelle angefügt war, sind nur noch Mauerreste vorhanden. Vor der südostseitigen Ringmauer lag ein geräumiger Torzwinger. Das Tor selbst ist völlig verschwunden. Unterhalb der Hauptburg lag die Vorburg, die durch einen viereckigen Turm gesichert war. Er ist noch teilweise erhalten. Dieser „Burggrafenturm“ steht frei und ist baulich nicht mit der Hauptburg verbunden. Möglicherweise gab es aber einst eine gedeckte Verbindung zu ihr. Mit 9,6 x 9,3 m ist sein Grundriss nahezu quadratisch. 1299 gibt es erstmals einen Hinweis auf ihn. Seine 1985 durchgeführte Restaurierung dürfte nicht besonders sachgemäß ausgeführt worden sein.

Wichtigstes Bauwerk der Burg war natürlich der Bergfried. Er war ursprünglich viergeschossig und durch Holzdecken unterteilt. Noch im 14. Jahrhundert wurde er aufgestockt. Mit einer Grundfläche von 6,5 x 6,7 m war nicht besonders mächtig. Aber auch nach seinem Teileinsturz ist seine Dominanz noch deutlich zu erkennen. Dendrochronologische Untersuchungen seiner Balkendecken zeigten, dass die dafür erforderlichen Bäume um 1300 gefällt worden waren. Auf das späte Baudatum verweist auch das kleinteilige Bruchsteinmauerwerk, das vereinzelt Fischgrättechnik zeigt, aber auch die charakteristischen Lichtschlitze und die Form der Zinnen. Die Mauern waren nicht besonders stark. Während sie an den Angriffsseiten etwa einen Meter dick sind, hatten sie an der sturmfreien Hofseite eine Stärke von lediglich 80 cm. Es gab keine Fenster sondern nur kleine Lichtschlitze, was darauf hinweist, dass der Turm keine Wohnfunktion hatte und nur als Wehrturm diente. Der rundbogige Hocheinstieg war vom Wehrgang der Ringmauer aus zugänglich. Sein oberstes Geschoß war mit einer Reihe von Viereckzinnen abgeschlossen. Auch die vom Bergfried herabführenden Wehrmauern dürften mit Zinnen und einem hölzernen Wehrgang ausgestattet gewesen sein. In der westlichen Mauer war eine Abtrittnische eingebaut, deren Sitzbrett sich erhalten hat. Dessen dendrochronologische Prüfung ergab ein Fälldatum von 1203. Da die Abortanlage aber wesentlich jünger ist, dürfte es sich um eine Wiederverwendung älteren Bauholzes handeln. Das zweigeschossige Pfaffenstöckl (7,5 x 4,8 m) weist ein von wuchtigen Steinen gerahmtes Tor auf. Ansonsten wurde sein Erdgeschoß nur von zwei Lichtschlitzen beleuchtet. Das Obergeschoß hatte hofseitig zwei große Fenster mit Seitensitzen. Das südliche Wandeck war eingestürzt. Es wurde aber anlässlich einer Renovierung vor einigen Jahren wieder aufgebaut. Die Innenwände waren ursprünglich komplett bemalt. Die Malereien stammten aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, haben die letzten Jahrzehnte aber bis auf wenige Spuren nicht überlebt. Wegen dieser Freskenausstattung hielt man den Bau lange Zeit für die Kapelle. Er ist jedoch eindeutig ein Wohngebäude.

Lage: Tirol/Osttirol – oberhalb von Virgen

Besichtigung: jederzeit möglich


Weitere Literatur:


17.11.2011