ARCHIV


Gefährdete Objekte

Schlosshotels

Personenverzeichnis






Rappoltenkirchen


Rappoltenkirchen wurde 1210 erstmals urkundlich erwähnt. Es dürfte bereits 1186 vom letzten steirischen Herzog Otakar IV den Hochfreien von Lengenbach geschenkt worden sein. Diese gaben es an Lehensleute weiter. 1355 befand es sich im Besitz der Schenken von Dobra. 1358 erneuerte Herzog Rudolf IV das Amt des obersten Jägermeisters in Österreich und verband es mit dem Amtslehen Rappoltenkirchen. Erster Inhaber war Ritter Friedrich von Kreisbach. Die Kreisbacher hatten sich den Beinamen „Landfahrer“ erworben, da sie an zahlreichen Kriegszügen in Europa und im Orient teilgenommen hatten. Von 1428 bis 1468 waren die Ritter Sepecken Lehensinhaber. Danach wechselten die Burgherren relativ häufig. Im Jahre 1590 wurde die Burg durch ein schweres Erdbeben, das damals weite Teile von Niederösterreich verheerte, weitgehend zerstört. In der Zeit danach dürfte der regelmäßige, vierflügelige Vorgängerbau des heutigen Schlosses, unter Verwendung der noch brauchbaren Bauteile, entstanden sein. Ab 1623 gehörte die Herrschaft den Freiherren von Questenberg. 1710 kam Rappoltenkirchen in den Besitz von Johann Ferdinand Reichsgraf von Kuefstein. Bei seiner Familie verblieb es nun über hundert Jahre lang. 1809 brannten die Franzosen das halbe Dorf und die Wirtschaftsgebäude nieder. Das Schloß selbst dürfte relativ heil geblieben sein. Über den Fürsten Franz Josef von Dietrichstein kam es 1814 an den Wiener Bankier Georg Simon Freiherrn von Sina. Sein Sohn Georg ließ 1870 bis 1874 durch Theophil Hansen, der bereits 1860 sein Wiener Palais umgebaut hatte, das derzeitige Schloß, als Sommersitz, errichten. Es handelte sich dabei aber um keinen Neubau, sondern um eine Adaptierung des alten Gebäudes. So wurde aus dem alten Innenhof ein repräsentatives, glasgedecktes Treppenhaus. Die vom Bauherrn gewünschte gedeckte Einfahrt entstand im neu angelegten Neo-Renaissanceturm, den er durch einen gedeckten Wandelgang mit dem Schloß verband. Um mehr Gäste unterbringen zu können, wurde das Gebäude aufgestockt. 1891 wurde Rappoltenkirchen gemeinsamer Besitz der Erbprinzessin Chariclee zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Iphigenie Reichsgräfin zu Pappenheim, der Prinzen Emanuel und Theodor Ypsilanti, der Fürstin Irene Maurocordato und Anastasia Gräfin Wimpffen. Von 1906 bis 1964 war der griechische Freiheitskämpfer Alexander Fürst Ypsilanti in der Schloßgruft begraben. Er kämpfte an der Spitze des „heiligen Bataillons“ 1821 gegen die Türken, mußte dann nach Österreich fliehen und wurde später von Fürst Metternich, der kein Freund von Volkserhebungen war, bis 1827 interniert. Die Fürsten Ypsilanti besaßen das Schloß bis 1990. Während des Zweiten Weltkrieges wurde es enteignet und von der Gestapo als Archiv benutzt. Da es 1945 devastiert worden war, wohnten die Eigentümer nun im früheren Amtshaus, einem zweigeschossigen Nebengebäude am Kirchenplatz. In der Nachkriegszeit wurden zwar die äußeren Bauschäden notdürftig behoben, das Innere litt jedoch weiter, da mangels Pflege ganze Decken einstürzten, Räume ausbrannten und alles Brauchbare gestohlen oder verkauft wurde. Kurz vor dem Verkauf an Frau Eva Buschmann wurde es – etwas spät - unter Denkmalschutz gestellt. Ihr gehörte das Schloß bis 1996. Seit damals ist es im Eigentum von Herrn KR Erich Fach. Derzeit wird es renoviert. Die Restaurierung des Turmes ist bereits erfolgt.

Das Schloß ist ein repräsentatives Beispiel des „Strengen Historismus“, wie er vor allem bei Hansen’s Ringstraßenbauten vorkam. Es ist von einem trockenen Graben umgeben, der am Außenrand von einer Steinbalustrade eingefaßt ist und im Südwesten von einer Steinbrücke überspannt wird. Es ist ein rechteckiger, viergeschossiger Bau mit dem Charakter eines italienischen Renaissance-Kastells. Über einem hohen rustizierten Sockel, der das im Graben liegende Souterrain und das Erdgeschoß zusammenfaßt, befinden sich noch zwei weitere Stockwerke. Die Fronten weisen fünf bzw. acht Fensterachsen auf. Die Fenster der Beletage sind als Ädikulä gestaltet, die des obersten Geschoßes durch kleine toskanische Pilaster hervorgehoben. Über den Schloßgraben führt im Südosten ein als Arkadengang ausgebildeter Verbindungstrakt. Er trägt eine, von Balustraden begrenzte Terrasse und führt zu einem fünfgeschossigen, quadratischen Turm, der sich am äußeren Grabenrand befindet. Engelsfiguren flankieren die rundbogige Durchfahrt im Erdgeschoß. Der Turm hat in den folgenden drei Stockwerken Doppelfenster, während das oberste Geschoß vier Fenster aufweist. Dieser Turm ähnelt dem von Osborne House auf der Isle of Wight. Er setzt dem eher wuchtigen Schlossbau einen, die Vertikale betonenden Akzent entgegen.

Die ehemals reichen Dekorationen der Attikazone sind nur noch in Fragmenten erhalten. Der zum Treppenhaus gewordene ehem. Innenhof zeigt an drei Seiten in allen vier Geschossen offene Galerien. Er ist mit einem flachen Glasdach gedeckt. Die Wände des Treppenhauses sind durch Pilaster gegliedert. Sie weisen reiche, der Renaissance entlehnte Dekorationselemente in den Frieszonen auf. Die Prunktreppe verbindet lediglich das Erdgeschoß mit dem ersten Stock, während über eine Nebentreppe alle Stockwerke erreichbar sind. Die Repräsentationsräume des Schlosses lagen zum Teil im Erdgeschoß (Gartensalon, Speisezimmer, Bibliothek, Billardzimmer) und zum Teil im ersten Stock (Großer Saal und Salon). Die Schlafzimmer, sowie das Arbeitszimmer des Hausherrn befanden sich an der Parkseite des ersten Stocks. Der zweite Stock war zur Aufnahme von Gästezimmern bestimmt. Die Inneneinrichtung des Schlosses ist komplett verloren gegangen. Das Schloß ist von einem 22 ha großen Park umgeben, der einst sehr gepflegt war und in dem sich einige Parkbauten, wie eine Gloriette und ein Tempel befanden. Außer dem Mausoleum (1854) der Familie Sina bzw. der Gruft der Ypsilanti (1897) haben sie sich nicht erhalten. Ein triumphbogenartiges Parkportal von 1873 grenzt den Park nach Westen ab. Es trägt die Inschrift „Servare intaminatum“ (unbefleckt bewahren). Der Park wurde als Landschaftsgarten um 1830, also deutlich vor dem Umbau des Schlosses angelegt. Ausgedehnte Wirtschaftsgebäude liegen zwischen dem Schloß und dem Ortszentrum.

Lage: Niederösterreich/Wienerwald – am Rande des gleichnamigen Ortes bei Sieghartskirchen

Besichtigung: Das Schloß kann normalerweise weder von außen noch von innen besichtigt werden.


Weitere Literatur:


24.08.2002