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Oberdorf (Stockschloss)


Am Platz des heutigen Schlosses dürfte sich um die Mitte des 12. Jahrhunderts der Sitz des Vollfreien Gotto von Leoben befunden haben. Sein Schwiegersohn, Pilgrim von Mürzhofen, schenkte das Gut Oerdorf ad Gomplarn um 1175 dem Stift Admont. Sein Sohn und seine Tochter waren zuvor in das Kloster eingetreten. Der Edelhof scheint nach dem Aussterben der Herren von Leoben landesfürstlich geworden sein. Oulricus de Oberndorf wurde 1187 genannt. Er gehörte zu den Ministerialen des Landesfürsten. Ein Guenther de Oberdorff stellte 1322 in Trofaiach eine Urkunde aus, wobei sein Siegel eine Rose zeigte. Diese Rose ist auch ein Schmuckelement an den Fenstereinfassungen des Schlosses. Eine Heckenrose findet sich auch am Schloss Zmöll bei Trofaiach, was auf verwandschaftliche Beziehungen der Besitzer schließen lässt. Um 1430 scheint das Geschlecht der Oberndorfer ausgestorben zu sein. 1445 wird als Besitzer des Ansitzes Erhard Hagenreuter genannt. 1480 saß auf dem „hoff Oberdorf“ die Familie Lembsitzer. Er gehörte ihr als freies Eigen, doch wurde er 1480 von den Türken niedergebrannt. Es folgten im Erbweg die Prankher und dann Conrad von Hohenburg. 1577 gelangte das immer noch sehr bescheidene Gebäude durch Kauf an Wilhelm von Radmannsdorf. Dessen Witwe übergab den Hof ihren Neffen, den Gebrüder Grafenauer. Eva Grafenauer war Protestantin und musste 1629 die Steiermark verlassen. Oberdorf wurde an Hans Georg Tessalon verkauft und im späteren 17. Jahrhundert barock und schlossartig ausgebaut. Zu den Eigentümern der damaligen Zeit zählten Dr. Christoph Farry, Gottfried Freiherr von Breuner und 1679 das Klarissinenkloster in Judenburg. 1681 war das Stockschloss wieder in weltlichem Besitz. Es gehörte Georg Andree von Pichl. Unter dem 1730 verstorbenen Carl Weikhart Breuner diente es seit 1701 als Jagdschloss. Ab 1742 gehörte es der Familie von Ziernfeld, die im Umkreis von Trofaiach mehrere Adelssitze besaß und es 1829 an Karl Ritter von Bohr verkaufte. Nächster Besitzer war der Gewerke Heinrich Mitsch. Erst die Freiherren Mayr-Melnhof, die 1880 das Schloss übernahmen, behielten es wieder längere Zeit. Sie vererbten es 1959 den Grafen Goess. Das bereits verwahrloste Gebäude wurde restauriert. Es diente zuerst als Kinderheim und dann als Haushaltungsschule.

Das sog. Stockschloss liegt auf einer kleinen Anhöhe nordwestlich von Trofaiach am Eingang des Gößgrabens. Es ist ein einfacher dreigeschossiger Renaissancebau, dem im Südosten ein viergeschossiger quadratischer Turm vorgelagert ist. Das Gebäude ist ein wichtiges Beispiel für die heute sehr selten gewordenen, mit Schopfwalmdächer ausgestatteten Doppelgiebelbauten. Es wurde im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts aus Bruchsteinen errichtet, aber im 17. Jahrhundert durch Umbauten verändert. Am Pyramidendach des Turmes haben sich schön gearbeitete Wasserspeier erhalten. Bemerkenswert ist das frühbarocke Marmorportal an der Straßenseite des Turmes. Es stammt aus dem 17. Jahrhundert. Das Türblatt ist mit reich verziertem Eisenblech beschlagen. Der heutige Zugang an der Ostseite des Turmes wurde erst bei der letzten großen Renovierung ausgebrochen. An einigen Stellen der Turmfassade ist noch der mit roten Quadern verzierte gelbe Verputz zu erkennen. Man kann also davon ausgehen, dass einst das gesamte Gebäude mit einer Scheinarchitektur bemalt war. Die alten Renaissancefenster sind in den Obergeschossen noch gut erhalten. Ihre Rahmen zeigen rosenähnliche Ornamente. Die einfacher gehaltenen Erdgeschoßfenster sind mit schmiedeeisernen Gittern verschlossen. Im Inneren des Gebäudes sind drei Holzdecken zu sehen, von denen jene im zweiten Obergeschoß besonders schön gearbeitet ist und eine Mittelrosette zeigt. Die Halle im ersten Obergeschoß weist ein flaches Stichkappentonnengewölbe auf. Wenige Schritte neben dem Schloss steht ein zweigeschossiges, gedrungenes Stöckl mit schrägen Grundmauern. Es ist ein altes Wirtschaftsgebäude. Das Schloss war einst von einer Ringmauer umgeben, die in einigen Teilen noch erhalten ist. Am Torbogen zum hinteren Hof ist die Jahreszahl 1467 angebracht. Sie bezieht sich vermutlich auf die zum Schutz gegen türkische Überfälle errichtete Ringmauer, wurde aber wohl erst bei der Restaurierung von 1910 angebracht. Ansonsten hat sich von den zum Teil noch am Vischer-Stich von 1681 erkenntlichen einstigen Wehrelementen fast nichts erhalten.

Lage: Steiermark/Bezirk Leoben – ca. 2 km nordwestlich von Trofaiach

Besichtigung: nur von außen möglich


Weitere Literatur:


17.07.2010