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Palais Breuner


Die Liegenschaft, auf der heute das Palais Breuner steht, ist schon im Mittelalter urkundlich nachweisbar. Sie befand sich durchwegs im bürgerlichen Besitz. Erst 1706 gelangte sie an den kaiserlichen Militärgouverneur Karl Josef Reichsgraf de Souches. Sein gleichnamiger Nachkomme hatte hohe Schulden, so dass die hier stehenden drei Häuser 1715 versteigert wurden. Käufer war der Wiener Stadtoberkämmerer Johann Christian Neupauer. Dieser ließ sie niederreissen und auf zweien davon ein großes Stadtpalais errichten. Der Architekt des Gebäudes ist unbekannt, doch war er sichtlich von Hildebrandt und Fischer von Erlach beeinflusst. Im Gegensatz zu früheren Annahmen weiß man heute, dass Neupauer keineswegs Baumeister war und daher als Architekt des Palais nicht in Frage kommt. Er nützte lediglich seine amtlichen und halbamtlichen Funktionen in der Stadt Wien für private Grundstücksspekulationen. 1723 erließ der Wiener Magistrat sogar einen Bescheid, in dem festgehalten wird, dass "Johann Chr. Neupauer kein Gebäu kontraktweise bedingen und aufführen lassen könne". Neupauer verspekulierte sich schließlich und starb 1735 hochverschuldet. Seine Witwe musste 1749 das Palais an Maria Anna von Suttner verkaufen. Danach wechselten die Besitzer mehrmals. So gehörte es 1775 der Gräfin Maria Hallweil, 1785 Therese Freiin von Moser und 1797 der später geadelten Familie Coith. 1869 kam es an August Graf Breuner-Enckevoirt. Obwohl das Palais nur relativ kurze Zeit im Besitz dieser Familie war, trägt es seither ihren Namen. Durch Erbschaft gelangte es schließlich 1897 an den Herzog Viktor von Ratibor-Corvey. Der jetzige Eigentümer ist Franz Albrecht Metternich-Sandor, Herzog von Ratibor. Das Gebäude ist seit langem vermietet. So war nach 1918 hier eine Quäkerorganisation untergebracht, die sich bemühte, den hungernden Kindern in Wien zu helfen. 1945 wurde das Palais durch Bombentreffer schwer beschädigt, aber bald wiederhergestellt.

Das Palais zählt nach seiner vor kurzem durchgeführten Restaurierung wieder zu den schönsten Barockbauten Wiens. Auf einer Grundfläche von 1016 m² erheben sich vier Stockwerke über einem Tiefparterre. Die reichgegliederte Fassade in der Singerstraße weist einen leicht vorgezogenen, fünfachsigen Mittelrisalit und zwei dreiachsige Seitenrisalite auf. Die repräsentative Portalanlage im Mittelteil besteht aus einer Toreinfahrt und zwei Türen. Diese Eingänge werden jeweils von Hermen flankiert. Darüber liegt ein Balkon, der mit Figurengruppen und Steinvasen verziert ist. Manche Kunsthistoriker vermuten, dass die Hermen und Balkonfiguren von Lorenzo Matielli stammen. Ein von zwei Putten getragenes Wappen der Familie Breuner ist über der Balkontüre angebracht. An seiner Stelle befand sich zuvor jenes von Johann Christian Neupauer. Die Plastiken der Portalanlage wurden 1945 durch Kriegseinwirkung beschädigt und 1970 restauriert. Über dem Mittelrisalit waren ursprünglich auf dem Dach überlebensgroße Skulpturen angebracht, doch wurden sie anlässlich einer Dachreparatur abgenommen und nicht wieder aufgestellt. An die dreischiffige Eingangshalle schließt links das Treppenhaus an. Es konnte von einem großen Marmorkamin aus beheizt werden, dessen Relief von Matthäus Donner in der ersten Hälfte des 18. Jh. gestaltet wurde. Dieser Kamin diente vor allem dem Personal und den wartenden Fuhrleuten zum Aufwärmen. In den Wandnischen des unteren Stockwerks stehen Statuen antiker Götter und Helden (Herkules, Apoll, Flora, Hermes). Die Repräsentationsräume im Hauptgeschoß wurden durch die Architekten Ludwig und Hugo Ernst Wächtler in der zweiten Hälfte des 19. Jh. völlig neu gestaltet. Sie weisen schöne Kamine, Parkettböden und späthistoristische Holzvertäfelungen in altdeutschen Formen auf. Die Supraporten sind teilweise mit Blumenstilleben geschmückt. In einem Salon befand sich die „Ahnengalerie“ der Familie Breuner.

Ort/Adresse: 1010 Wien, Singerstraße 16

Besichtigung: nur von außen (plus Stiegenhaus) möglich


Weitere Literatur:


24.08.2002