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Schrattenthal


Schloss Schrattenthal ist ein historisch und architektonisch hoch interessantes Bauensemble, das aber, da privat genutzt, relativ wenig bekannt ist. Die Kolonisation des nordwestlichen Weinviertels war gegen Ende des 11. Jahrhunderts abgeschlossen. Die Grenze zu Böhmen musste durch eine Kette von Befestigungen gesichert werden, zu denen wohl auch ein hölzerner Turm in Schrattenthal gehörte. Der Ort scheint 1220 in einer Urkunde Herzog Leopolds VI erstmals urkundlich auf. Er lag am Rittsteig, einem bedeutenden Fernweg, der von Krems nach Znaim führte. Die Grundherrschaft war damals landesfürstlich und wurde an Ministeriale als Lehen vergeben. Als erster Lehensnehmer wird Drusigerus de Schretentale 1245 erwähnt. Er war Truchseß Herzog Friedrichs II. 1382 erwarben die Grafen von Maidburg-Hardegg die Herrschaft und gaben sie ihrerseits als Lehen weiter. Zu ihren Lehensträgern zählten Tobias von Rohr (1427) und Ulrich I von Eitzing (1434), der 1448 Schrattenthal als Freies Eigen erwerben konnte. Letzterer war Hubmeister von König Albrecht II, was ihm ein beträchtliches Vermögen einbrachte. Gleichzeitig war er einer der umtriebigsten Politiker seiner Zeit. Als Anführer der Landstände organisierte er 1451 den Mailberger Bund, dessen Truppen Kaiser Friedrich III in der Wiener Hofburg belagerten und schließlich die Auslieferung und Großjährigkeitserklärung des minderjährigen Ladislaus Posthumus erzwangen. Man sagte ihm auch nach, gemeinsam mit dem Kanzler Kaspar Graf Schlick das Testament Albrechts gefälscht zu haben. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts hatte Schrattenthal unter den Hussiteneinfällen schwer zu leiden. Ulrich errichtete 1435 eine neue Wasserburg. Die Wasserflächen wurden durch die Drainage der umliegenden Sümpfe gewonnen. Die Burg wurde in die Ortsbefestigung einbezogen. Sie hatte die Südseite der Siedlung zu decken. 1439 wurde Ulrich in den Freiherrenstand erhoben. Durch Zukäufe weiterer Güter wie z. B der Riegersburg konnte er seine Besitzungen wesentlich vergrößern. Schrattenthal wurde bald zum Hauptwohnsitz der Eitzinger. 1472 konnte Ulrichs Bruder Stephan für den kleinen Ort das Stadtrecht erwirken. Schrattenthal ist heute noch nach Hardegg die zweitkleinste Stadt Österreichs. Die Eitzinger waren wichtige Geldgeber des Kaisers und bekleideten hohe Hofämter. Sie hatten aber auch weiterhin ein gespanntes Verhältnis zum Kaiserhaus. 1522 wurde Michael I Freiherr von Eitzing in Wiener Neustadt als Führer der Stände wegen Rebellion und Hochverrat hingerichtet. Seine Güter wurden eingezogen aber seinem Sohn Ulrich IV wieder übergeben. 1590 verfügte die Herrschaft Schrattenthal über 590 Untertanen.

Als militante Protestanten waren die Eitzinger führend am Böhmischen Aufstand beteiligt. Sie verweigerten Kaiser Ferdinand III die Erbhuldigung, was dazu führte, dass Philipp Christoph Freiherr von Eitzing nach der Schlacht am Weißen Berg 1620 geächtet wurde. Seine Besitzungen wurden konfisziert. Mit ihm starb die Familie aus. Während der Großteil des umfangreichen Erbes an Seifried Christoph von Breuner und die Grafen Herberstein fiel, übergab Kaiser Ferdinand III Schrattenthal seiner Gemahlin Eleonore von Portugal. Diese schenkte die Herrschaft 1621 ihrer Kammerfrau, Gräfin Oktavia von Strozzi. 1645 besetzten die Schweden das Schloss. Ihr Feldherr Lennart Graf Torstenson schlug hier vorübergehend sein Hauptquartier auf. 1660 erwarb Markus Putz Freiherr von Adlersthurm Schrattenthal. Er ließ die längst militärisch bedeutungslos und im Dreißigjährigen Krieg teilweise zerstörte Wasserburg im Barockstil in das heutige Schloss umwandeln. Seine Tochter Maria Theresie war mit Ludwig Reichsgraf von Hartig verheiratet. Sie vollendete bis 1719 den Bau und ließ im Norden des Schlosses einen Park mit Fasangarten samt Jägerhaus und Sommerpavillon anlegen. 1797 erwarb Johann Jakob Freiherr von Chartard die Herrschaft, verkaufte sie aber bereits sechs Jahre später an Anton August Reichsgraf von Attems. Auch er ließ einige Umbauten vornehmen. Die Gartentore sowie das Stiegenhaus gehen auf ihn zurück. Nach den Franzosenkriegen wurde der Schlosspark im englischen Stil umgestaltet und erweitert. In den Jahren 1822 und 1826 lebte hier der Dichter Nikolaus Lenau längere Zeit als Gast des Schlossverwalters. Als 1848 mit der Bauernbefreiung die Grundherrschaften aufgehoben wurden, wählten die Bürger von Schrattenthal den letzten Herrschaftsinhaber Hermann Graf Attems zum Bürgermeister. Auf die Grafen Attems folgte Friedrich Steininger (1869 – 1871) und dann Theodor Freiherr von Offermann als Schlossherr. Letzterer war für etliche Umbauten und Modernisierungen verantwortlich. Prinz Friedrich von Schönburg-Waldenburg, der Schloss Schrattenthal von 1911 bis 1917 besaß, unterhielt auf dem Gelände einen Rennstall. Von 1917 bis 1932 besaß die Familie Schumpeter Gut und Schloss. Ab 1924 war beides an Ing. Erwin Schubert verpachtet, der 1932 gemeinsam mit seiner Gattin Margarethe Schrattenthal kaufte. 1945 wurde im Schloss ein russisches Militärlazarett eingerichtet, doch zog die Besatzung 1946 wieder ab. Schrattenthal blieb bis heute bei seiner Familie. Die gegenwärtigen Eigentümer, Dr. Karlheinz Schubert und seine Gattin Brigitte, ließen in den letzten 25 Jahren die einzelnen Gebäude des Schlossareals sorgfältig restaurieren. In den Sommermonaten finden in den Räumen des Nordtrakts Konzerte und Lesungen statt. In den Bauten des äußeren Schlosshofes sind meist Wohnungen untergebracht.

Das ausgedehnte Schlossareal nimmt die gesamte Südseite des Stadtgebietes von Schrattenthal ein. Es ist von einer, durch Bastionen verstärkten Bruchsteinmauer aus der Mitte des 15. Jh. umgeben. Seine Grundfläche beträgt etwa 300 x 160 m. Hievon entfallen etwa drei Fünftel auf die ungewöhnlich großräumige Vorburg. Ihr Name „Hussen“ erinnert an die Einfälle der Hussiten im 15. Jahrhundert. Sie ist durch tiefe, aus dem Felsen gehauene Gräben gesichert. Ihr wichtigstes Verteidigungsbauwerk war der mächtige Rundturm, der frei in ihrer Südostecke steht. Er wird als Hungerturm oder Hussitenturm bezeichnet. Heute ist er zweigeschossig und noch etwa 15 m hoch, doch war er ursprünglich deutlich höher. Sein Durchmesser beträgt ca. 18 m bei einer Mauerstärke von mehr als 5 m. Der Turm dürfte noch von Ulrich von Eitzing nach 1435 als Bollwerk gegen die Hussiten errichtet worden sein. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt die Gefahr bereits gebannt. An seinem spitzbogigen Hocheinstieg sind noch die Löcher für die Zugseile einer beweglichen Brücke zu erkennen. Eine in der Mauerstärke verlaufende Treppe verband die einzelnen Geschosse. Wie die spitzbogigen profilierten Portale im Inneren beweisen, war der Turm zumindest zeitweise bewohnt oder für Gerichtszwecke eingerichtet. Der Keller diente als Verlies. Unmittelbar südlich des Turmes liegt in der Beringmauer eine Toranlage, die aus einer Einfahrt und einer Fußgängerpforte bestand. Auch sie war durch eine Zugbrücke gesichert, diente aber vorwiegend Wirtschaftszwecken. Nördlich und westlich des Turmes stehen verschiedene Wirtschaftsgebäude. Der sog. Schafstall birgt einen quadratischen Raum, dessen abgefastes Kreuzrippengewölbe von einem Achteckpfeiler getragen wird. Er stammt aus dem späten 15. Jahrhundert und soll im 16. Jahrhundert als protestantischer Betraum gedient haben. Der große Schüttkasten trägt eine bemerkenswerte Wappenkartusche der Familie Putz von Adlersthurm, flankiert von allegorischen Figuren. Er stammt aus dem Jahr 1713. Ein im Kern spätgotisches Gebäude im Westen der Vorburg wurde zwischen 1784 und 1918 als Pfarrhof verwendet. Manche Burgenforscher vermuten auf dem Areal der Vorburg die erste Befestigung aus dem 13. Jahrhundert.

Das Areal des Hauptschlosses liegt westlich der Vorburg. Eine steinerne Brücke, auf der die Barockstatuen des Hl. Antonius und des Hl. Nepomuk stehen, führt über den heute trockenen Graben von der Stadt her auf den halbrunden Torturm zu. An den Wänden seiner tonnengewölbten Einfahrt haben sich Sitznischen aus der Mitte des 15. Jahrhunderts erhalten. Sie sind mit profilierten Segmentbögen versehen und durch kleine Säulen getrennt. Das markanteste Gebäude des dahinter liegenden romantischen Hofes ist die schräg zum Wohntrakt gestellte, nahezu frei stehende Schlosskapelle. Mit ihrem, hinter einer Maßwerkbrüstung umlaufenden Wehrgang unter dem hohen Ziegeldach hat sie den Charakter einer spätgotischen Wehrkirche. Sie wurde 1436/38 erbaut und ist dem Hl. Martin geweiht. Die hohen Maßwerkfenster liegen an der Hofseite in Nischen der vorgeblendeten Spitzbogenarkaden. Auch das profilierte Portal ist spitzbogig. Die Kapelle ist ein dreijochiger Saalbau mit einem 5/8-Schluss. Im Inneren ist vor allem das spätgotische Sakramentshäuschen mit seinem übergiebelten Tabernakelaufsatz bemerkenswert. Das eigentliche Wohnschloss ist mit der Kapelle nur durch einen kurzen gedeckten Übergang verbunden. Es handelt sich dabei um die ehemalige Wasserburg. Im Kern stammt das Hauptschloss noch aus der Spätgotik, doch wurde es im 17. Jahrhundert durch die Freiherren von Adlersthurm barockisiert. Vom Grundriss her ist es eine zweigeschossige, unregelmäßige Zweiflügelanlage. Im Barock wurde der ehemalige Zwinger durch die Erweiterung des Nordtraktes überbaut. Dahinter trennt der breite Burggraben das Schloss von der Stadt.

Im Erdgeschoß des Nordtraktes haben sich drei verstäbte spätgotische Fenster erhalten. Eine ursprünglich offene, dreiachsige, spitzbogige Laube wurde später vermauert. Während die mit einem Handlauf versehene Wendeltreppe noch aus der Spätgotik stammt, sind die Innenräume durchwegs barockisiert. Die Räume des Erdgeschosses sind mit Stichkappentonnen gewölbt. Die Flachdecken des Obergeschosses zeigen teilweise Stuckspiegel aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts. In der Nordostecke liegt ein barockes Stiegenhaus mit einer platzlgewölbten Pfeilerhalle (um 1700) im Obergeschoß. Der lange Südosttrakt ist durch den Torbau geteilt. Er diente ursprünglich wohl als Schüttkasten. Vermutlich im frühen 16. Jahrhundert wurde er zum Wohngebäude ausgebaut. Eine noch aus der Bauzeit stammende Wendeltreppe führt ins Obergeschoß. Hier lag ein großer Festsaal mit einer Kassettendecke vom 16./17. Jahrhundert. Unter dieser verläuft eine gemalte Galerie mit zahlreichen Figuren aus allen Gesellschaftsschichten (Adelige, Bürger, Soldaten usw). Die Malereien wurden im dritten Viertel des 18. Jahrhunderts angefertigt. Sie wurden 1999/2000 restauriert. Der Saal war durch den Einzug von Zwischendecken und -wänden in mehrere Zimmer unterteilt. Diese Einbauten wurden zuletzt wieder entfernt. Im Südwesten des Hofes steht das sog. Mehltürml. Es wurde im späten Mittelalter als halbrunder Schalenturm errichtet, wurde aber später zum Lusthaus umgebaut. Im 19. Jahrhundert diente es als Kutscherwohnung und Gartenpavillon.

Lage: Niederösterreich/Weinviertel – ca. 8 km südwestlich von Retz

Besichtigung: nur auf Anfrage möglich

Homepage: club.schrattenthal.at


Weitere Literatur:


16.03.2008