|

Wiener Neustadt - Burg
Die erste Burg in Wiener Neustadt entstand zeitgleich mit der Stadtmauer in den Jahren 1193/94. Finanziert wurden beide Bauten aus dem Lösegeld, das Herzog Leopold V für den englischen König Richard Löwenherz erhalten hatte. Die damalige Pfalz dürfte in der Nordwestecke der Stadt gelegen sein, doch gibt es keine archäologischen Beweise hiefür. Aus Mangel an Erweiterungsmöglichkeiten errichtete Herzog Leopold VI, der Glorreiche, zu Beginn des 13. Jh. eine neue Burg in der Südostecke des damaligen Wiener Neustadts. Wegen des sumpfigen Geländes entschloss man sich, die Anlage auf hölzernen Piloten zu erbauen. Es war anfangs ein einfacher Bau, der erst unter Friedrich II, dem Streitbaren, mit Mauern und einem Wassergraben versehen wurde. Die Burg diente ihm bei seinen zahlreichen Fehden häufig als Zufluchtsort. 1260, als sie urkundlich erstmals erwähnt wurde, besaß sie bereits vier Ecktürme. Hier suchte auch König Bela IV von Ungarn Schutz vor den herannahenden Mongolen. 1253 ließ König Ottokar die Ringmauer abtragen, doch wurde sie gegen Ende des 13. Jh. neu errichtet. Das Erdbeben von 1348 ließ die Mauern der Burg einstürzen, so dass man 1378 mit einem Neubau begann. Er hatte die gleiche Form wie sein Vorgänger, war jedoch deutlich größer. Die Anlage war dreiflügelig. Die vierte Seite war nur durch eine hohe Wehrmauer und den Torbau geschlossen. Bauherr war Leopold III. Sein Sohn Leopold IV überbaute die Gruftkapelle seines Vaters mit einer Terrasse. Unter Herzog Ernst, dem Eisernen und seinen Nachfolgern errichtete man von 1420 bis 1450 über der Gruftkapelle die Gottleichnamskapelle. Ihr Baumeister war Peter von Pusika, der dann auch die von Friedrich III in Auftrag gegebene St. Georgskapelle (1449 bis 1460) mit dem Westtrakt schuf. Kaiser Friedrich III war der bedeutendste der in Wiener Neustadt residierenden Herrscher. Da er sein Mündel Ladislaus Posthumus nicht übergeben wollte, wurde er 1452 von den Ständen mit einem 16.000 Mann starken Heer in seiner Burg belagert. Verhandlungen führten zum Abzug seiner Gegner und zur Übergabe seines Mündels. Friedrich gründete den nach dem hl. Georg benannten geistlichen Ritterorden und stellte ihm 1478 die Burg als Sitz zur Verfügung. Der Orden hatte aber wenig Zuspruch und wurde 1598 aufgehoben. Die Wohnräume des Kaisers lagen im Südtrakt, ebenso der seine ganze Länge einnehmende zweischiffige Thronsaal. Nahe der Burg ließ er den „Tännelgarten“, einen großen, von einer Mauer umgebenen Tiergarten mit Damwild anlegen. 1486 kam es zu einer neuerlichen Belagerung der Burg, diesmal durch Matthias Corvinus. Nach fast zwei Jahren mussten sich die Verteidiger ergeben. Einige Monate nach dem Tod des ungarischen Königs gelang es den Wiener Neustädter Bürgern, die Besatzungstruppen aus Burg und Stadt zu vertreiben.
Unter Friedrichs Sohn, Kaiser Maximilian I, der hier geboren wurde, verlor die Burg wieder ihren Charakter als ständige Residenz. Er ließ sich in ihrem Osttrakt eine Eremitage erbauen, um sich hier bei seinen gelegentlichen Besuchen religiösen Betrachtungen hinzugeben. Maximilian liegt unter dem Hochaltar der St. Georgs-Kapelle begraben, sein prächtiges Grabdenkmal befindet sich jedoch in der Innsbrucker Hofkirche. Kaiser Ferdinand I zog sich 1521 nach Wiener Neustadt zurück, nachdem die protestantischen Stände ihm in Wien ihren Willen aufzwingen wollten. Die Kasematten der Burg dienten häufig als Staatsgefängnis, so für Kaspar von Krottendorf, der Ladislaus Posthumus entführen wollte und 1522 für die aufständischen Mitglieder der Wiener Stadtregierung, die anschließend am Hauptplatz der Stadt hingerichtet wurden. Franz Rakoczy, der Ungarn den Habsburgern entreißen wollte, war in einem Zimmer des nach ihm benannten Turmes inhaftiert. Durch den Verrat eines Dragonerhauptmannes gelang es ihm jedoch zu fliehen. Graf Peter Zriny musste das gleiche Vorhaben mit dem Tod büßen. Auch er war vor seiner Hinrichtung in der Burg eingekerkert. 1529 gelang es den Türken nicht Stadt und Burg einzunehmen. 1683 verzichteten sie auf eine Belagerung. In den Jahren 1608 und 1616 richteten zwei Brände großen Schaden an. 1743 mussten 1400 französische Kriegsgefangene in der Burg untergebracht werden. Wenig später brach eine pestartige Epidemie aus, die viele Opfer forderte. Wegen Infektionsgefahr blieb die Burg noch zwei Jahre nach Abzug der Überlebenden gesperrt. Sie verwahrloste und wurde kaum mehr benützt. Lediglich ein Burggraf und sieben Bedienstete wohnten darin. Als 1752 die Theresianische Militärakademie in der Burg eingerichtet wurde, führte der Wiener Baumeister Matthias Gerl umfangreiche Umbauten durch. 1768 kam es zu einem neuerlichen schweren Erdbeben, das den Bau unbewohnbar machte. Drei der vier Türme mussten abgetragen werden. Beim Wiederaufbau schuf man im Osttrakt neue Kaiserzimmer. An Stelle der Gottleichnamskapelle wurde die Haupttreppe eingezogen. Die von Nicolo Pacassi und Matthias Gerl geleiteten Arbeiten dauerten bis 1777. Baumängel führten wenige Jahre danach zu neuerlichen Schäden, die aber umgehend behoben wurden. 1918 wurde die Militärakademie geschlossen, 1934 aber wiedereröffnet. Im Bombenkrieg von 1944/45, der in Wiener Neustadt von 4.000 Häusern nur 18 unbeschädigt ließ, wurde auch die Burg vernichtet. Alles war verbrannt. Lediglich die Außenwände standen noch. Nur der Sarkophag mit den Gebeinen Kaiser Maximilians I war unversehrt geblieben. In den Jahren nach dem Krieg wurde das Gebäude etwas vereinfacht wieder aufgebaut. 1958 nahm die Militärakademie ihren Betrieb wieder auf. Die Burg war stets landesfürstlich und befindet sich auch heute noch im Staatsbesitz.
Der viergeschossige Baukörper der Burg umschließt einen rechteckigen Hof, von dem aus drei Renaissance-Freitreppen den Süd-, Nord- und Osttrakt zugänglich machen. Von letzterem führt eine weitere Treppe an der Parkseite auf den Maria Theresien-Platz. Von den einstigen vier Ecktürmen der Burg ist nur der siebengeschossige „Rakoczy-Turm“ übrig geblieben. Er ist mit einem hohen Pyramidendach gedeckt, aus dem vier kleine Auslugtürmchen hervorragen. In der Südwestecke der Anlage finden sich zwei mittelalterliche Turmreste, die im dritten Viertel des 15. Jh. bzw. 1769 abgetragen worden sind. Reste des mittelalterlichen Stadtturmes stecken in der Südostecke, während in der Nordostecke der Rest eines weiteren Turmes aus dieser Zeit verbaut ist. Die alte Stadtmauer aus dem 13. Jh. zieht sich mitten durch den Süd- und Ostflügel. Die hofseitigen Teile dieser beiden Trakte wurden unter Verwendung des mittelalterlichen Mauerwerks errichtet. Die Räume außerhalb der Mauer wurden erst im 16., 17. und 18. Jahrhundert angebaut.
Die St. Georgskapelle ist im rechten Winkel in den Westtrakt eingebaut, den sie in zwei ungleiche Teile trennt. An ihrer Westfront führen zwei Treppen auf eine Galerie. Diese Außenseite der Kapelle wird durch vier Strebepfeiler und drei hohe gotische Fenster gegliedert. Darüber befindet sich eine Wappenreihe mit dem Motto Friedrichs III AEIOU und der Jahreszahl 1457. Unter der St. Georgskapelle führt eine fünfjochige sterngewölbte Torhalle in den Hof. Bemerkenswert ist die Außenwand der Kapelle an der Westseite des Hofes. Zwischen zwei zweifach abgetreppten Strebepfeilern erstreckt sich eine große Wappenwand. Um das lebensgroße Standbild Kaiser Friedrichs III sind 107 Wappen angeordnet. Es sind dies jene der österreichischen Erbländer, aber vor allem jene der sagenhaften Besitzungen, die in der „Österreichischen Chronik von den 95 Herrschaften“ (Cronica Patrie) erwähnt werden und einen fiktiven Stammbaum der Habsburger darstellen. Die St. Georgskapelle ist eine dreischiffige Hallenkirche. Ihr Mittelschiff zeigt ein wappengeziertes Sternrippengewölbe. Die Seitenschiffe sind kreuzrippengewölbt. Von den Säulen ist lediglich eine nach 1945 erhalten geblieben. An ihr sind noch Fresken zu erkennen. Die übrigen Säulen wurden beim Wiederaufbau rekonstruiert. Auf Wappenkonsolen ruht eine steinerne Galerie mit einer reich verzierten Brüstung. Sie läuft an drei Seiten um den Kirchenraum. Von den schönen Glasfenstern sind nur noch drei vorhanden. Das Mittelfenster wurde um 1540 und die beiden Seitenfenster 1479 geschaffen. Die übrigen wurden 1780 von Franz Josef Graf Kinsky, dem damaligen Leiter der Akademie, zerschlagen. Aus den Glasscherben wurden grüne Flaschen gegossen. Kinsky war offenbar sehr kaisertreu, aber kein großer Kunstfreund. Er ließ auch die in der Kapelle aufgestellte lebensgroße Reiterstatue des Matthias Corvinus, die mit den Gewändern bekleidet war, die der König beim Einzug in Wiener Neustadt getragen hatte, zerstören und in den Burggraben werfen. Als Begründung gab er an, dass Corvinus ja ein Feind der Habsburger war. Am Altar des nördlichen Seitenschiffes steht die Muttergottesstatue, die sich bis 1945 an der Wappenwand im Hof befand, dort aber durch eine Kopie ersetzt wurde. Ein Relief Erzherzogs Maximilian III ist an der Nordmauer angebracht. Es war im Bombenhagel zerbrochen und musste restauriert und ergänzt werden. Am linken Seitenaltar steht die Bronzestatue des hl. Georg. Sie wurde 1945 gestohlen und von einem Antiquitätenhändler in 14 Stücke zerschlagen, konnte aber nach ihrer Auffindung wieder zusammengesetzt werden. Im Seitenschiff steht ein zwölfeckiges Taufbecken aus rotem Marmor vom Ende des 15. Jh. In ihm wurde bereits Maximilian I getauft.
Lage: Niederösterreich/Steinfeld – inmitten der Stadt Wiener Neustadt
Besichtigung: normalerweise nur von außen möglich. Lediglich die St. Georgskapelle ist bei Gottesdiensten zugänglich.
Weitere Literatur:
-
Burgen und Schlösser zwischen Baden, Gutenstein und Wr. Neustadt
- Felix Halmer
- 1968
-
Das Haus Habsburg/Habsburgs Häuser
- Anna Maria Sigmund
- 1995
-
Die alte Burg zu Wiener Neustadt
- Rossiwall Theo
- 1976
-
Die kaiserlichen Burgen und Schlösser
- Franz Weller
- 1880
-
Knaurs Kulturführer Österreich
- 1977
-
Kunst im Lande rings um Wien
- Franz Eppel
- 1977
-
Österreichisches Burgenlexikon
- Georg Clam Martinic
- 1992
-
Venedig und die Baukunst von Wien und Niederösterreich
- Richard Kurt Donin
- 1963
-
Von Burg zu Burg in Österreich
- Gerhard Stenzel
- 1973
|

|
01.05.2003
|
Artikel drucken
|
|